Donnerstag, 21. Oktober 2021

 Hallo ihr Lieben. Ist mal wieder lange her. Ich beginne meinen Post direkt mit der Beichte, dass ich am 01.09. rückfällig geworden bin und mich wieder geschnitten habe. Mit einem Messer auf der Schultoilette eingeschlossen. Stilvoll wie in meiner Jugend. Es ist zum Glück bei dem einen Mal geblieben. Und was soll ich euch sagen? Es hat mir nicht mehr die gleiche Erleichterung gebracht wie früher. Nach 2 Jahren und 4 Monaten ohne einen einzigen Schnitt hätte man meinen können, dass ich gleich high vor Endorphinen werde, aber nein. Ich saß auf dem Klo und dachte mir "scheiße, wieso zur Hölle hast du das getan?". Ich habe den Schmerz gefühlt, der mich hätte befreien sollen und für eine Sekunde hat es sich auch wirklich gut angefühlt, aber sobald der Schmerz abgeflacht war, habe ich mich nur noch beschissener gefühlt. Ich war enttäuscht von mir und wusste, dass andere Leute es auch sein würden. Wusste nicht, wie ich mich am besten verhalten sollte. Einfach alle anlügen, so wie früher. Kurz und schmerzlos die Wahrheit sagen, so wie ich es eigentlich immer tun möchte. Ohne mich für eine Variante zu entscheiden bin ich raus gegangen und habe eine Kippe nach der nächsten geraucht. Habe mich so unglaublich verloren gefühlt, zwischen all der Menschen, die so fröhlich miteinander geredet und gelacht haben, während meine einzige Sorge war, ob der Schnitt an meinem Bein wohl durch meine Jeans blutet. Gut, dass ich fast nur schwarze Sachen trage, darauf sieht man das Blut nicht so gut. Denn es hat durchgeblutet. Niemand hat es gesehen. In der Schule habe ich alle angelogen. Naja fast. Mein Kumpel, der der mich in der Woche zuvor davon abhalten konnte so eine Scheiße zu bauen, wusste ziemlich schnell, was ich getan hatte. Es ist beängstigend und wunderschön zugleich, jemanden zu haben, der ohne viele Worte weiß, was los ist. Meinem Freund habe ich es auch gesagt, sobald wir uns abends gesehen haben. Ich wollte das nicht übers Telefon machen. Er war sehr verständnisvoll, hat mir versichert, dass er nicht enttäuscht von mir wäre. Seine Augen haben mir gesagt, dass das die Wahrheit war. Erleichterung. Einer weiteren Freundin habe ich es am Abend noch geschrieben, damit sie Bescheid wusste und sich nicht hintergangen fühlt. Auch sie war sehr verständnisvoll. Womit ich das verdient habe? Keine Ahnung. Ich habe beschlossen, am nächsten Tag nicht zur Schule zu gehen, habe mir abends zum schlafen eine Tavor geschmissen und versucht runterzukommen. Aber mit mir alleine zu sein den ganzen Tag war viel schlimmer, als in der Klasse zu sitzen und sich einsam zu fühlen. Meine Dämonen konnten sich in Ruhe austoben. Also bin ich am nächsten Tag wieder zur Schule gegangen. Wäre eigentlich zum schwimmen verabredet gewesen, das habe ich auch abgesagt, aus offensichtlichen Gründen. Am Wochenende danach habe ich mich mit Sophie getroffen. Wir haben getrunken und gekifft, ich habe es ihr auch gesagt, damit waren alle wichtigen Menschen in meinem Leben abgearbeitet, ich habe vor keinem der zählt gelogen. Der Abend mit Sophie tat richtig gut, wir haben so viel geredet, Fotos gemacht, die letzten Sonnenstrahlen genossen, ich habe mich endlich wieder wie ein lebender Mensch gefühlt. Bin unsicheren Schrittes nach hause gelaufen, 5km durch die Nacht, das hat mich an früher erinnert, als ich mich noch regelmäßig mit Freunden auf irgendeiner Parkbank betrunken habe. Schmerzlich, dass es vorbei ist. Wertvoll, dass ich diese Erinnerungen habe. Danach sind die Tage nur so vorbei gezogen. Ich habe mich schnell wieder angespannt gefühlt, habe mich daran erinnert, dass mir der Schnitt nicht geholfen hat, habe es also gelassen, versucht, mich mit Sport und schreiben und zocken und fernsehen abzulenken. Das hat semigut funktioniert. Dann hatte ich endlich mal wieder einen Termin bei meiner Psychologin. Ihr musste ich es auch noch beichten. Wir haben viel an mir gearbeitet, in den letzten Wochen. Haben noch Persönlichkeit Nr. 20 gefunden und in Hypnotherapie konnten sie sich alle gleichzeitig mit ihr unterhalten, Strukturen formen, auch Hilfe bekommen. Manchmal schaffe ich es, wenn ich mich richtig darauf konzentriere und mich in einen meditativen Zustand begebe, selbst in meinen inneren Besprechungsraum zu gehen, und mit den anderen zu reden. An schlechten Tagen habe ich trotzdem noch Aussetzer, aber immerhin keine neuen Kratzspuren mehr, an deren Entstehung ich mich nicht erinnere. Das ist gut. 

Der Schulblock ging schnell vorbei, seit dem 17.09. habe ich niemanden mehr gesehen. Manchmal auf dem Weg zur Station laufe ich jemandem über den Weg und wir tauschen kurz 2 Minuten lang aus, wie es so läuft. Aber ich meine privat, außerhalb der Klinik habe ich niemanden getroffen. Dafür machen mein Kumpel und ich uns jeden Abend ein Memotagebuch, erzählen uns gegenseitig, wie der Tag so war. Es ist zu einem schönen Ritual geworden und es tröstet mich etwas, zumindest jeden Tag seine Stimme zu hören. Wir wollen uns vielleicht nächste Woche mal treffen, das wäre schön. Außerdem feiere ich dieses Jahr eine Halloweenparty und hoffe, dass viele Leute aus der Schule kommen werden. Darauf freue ich mich. Wir können in der Scheune von Alex Eltern feiern, ich muss noch Deko besorgen und mich um Essen und Getränke kümmern, aber ich bin mir sicher, dass sich der Aufwand lohnen wird. Und ab dem 2.11. habe ich endlich wieder Schule. Diesen Praxisblock bin ich auf einer Station für Depressionen und Suizidalität, wir haben auch Patienten mit Angststörungen oder Borderline. Vor 2 Tagen hat mich eine Patientin gefragt, ob ich weiß, was Borderline ist. "Oh Schätzchen, du hast ja keine Ahnung", dachte ich mir. Viele Patienten sagen mir, dass sie es bewundernswert finden, wie ich als Auszubildende über die Station laufe und jedem einzelnen Menschen das Gefühl geben kann, ihn zu verstehen und mich auf jede Art von Problemen einlassen kann. "Das können zum Teil nicht mal die Ausgelernten, die schon jahrelang dabei sind", sagte gestern ein Patient zu mir. Vor 2 Wochen hatte ich praktische Vorprüfung, wo mir einen Tag lang 2 Prüfer hinterher gelaufen sind und geschaut haben, wie ich mit einer zuvor ausgewählten Gruppe von Patienten arbeite. Ich habe mit einer Note von 1,4 bestanden. Mein Prüfer sagte, dass er es sehr beeindruckend fand, wie empathisch ich mich auf jeden Patienten eingelassen habe und wie ich bei unterschiedlichsten Typen von Menschen sofort die Rahmenbedingungen schaffen konnte, dass sie sich mir mit all ihren Problemen anvertraut habe. Den Grund dafür, dass ich all das kann, darf ich auf der Arbeit keinem dieser Leute nennen. Sonst wäre ich meinen Job ziemlich schnell los. Dabei ist der Grund dafür ganz einfach. Ich kann mich so gut auf meine Patienten einlassen und mit ihnen arbeiten, weil ich weiß, wie die Welt aus der Sicht des Kranken aussieht. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Trauma aufzuarbeiten, zu trauern. Weiß wie es ist, so antriebslos zu sein, dass man nicht aus dem Bett kommt. Vor Panik nicht mehr klar denken zu können. So angespannt zu sein, dass man glaubt, der einzige Weg ist eine Rasierklinge. Die Welt schwarz weiß zu sehen. Einem gesunden Menschen erklären zu müssen, wie es sich anfühlt, krank zu sein. Suizid als einzigen Ausweg zu sehen. Nicht schlafen zu können, vor lauter Gedankenkreisen. Von der eigenen Familie verstoßen zu werden, kein Verständnis zu bekommen. Nicht zu wissen, was man Freunden sagen soll. Sich mit Alkohol und Drogen zu betäuben. Beim Anblick einer Nagelschere getriggert zu sein. Vor einer Berührung zurückzuweichen. Ständig in Erklärungsnot zu sein. Seinen Alltag neu und an die Krankheit angepasst strukturieren zu müssen, um ein einigermaßen normales Leben führen zu können. Ich verstehe so vieles, und doch darf keiner verstehen, warum das so ist. Weil unsere Gesellschaft das nicht anerkennen würde, sondern mich bestrafen würde. Und warum? Weil ich es geschafft habe an mir zu arbeiten und mein Leben halbwegs auf die Reihe zu bekommen. Psychische Probleme zu haben ist immer noch ein Tabu Thema, selbst in einer Psychiatrie, ist das nicht traurig? Aber ich bin es ja gewöhnt zu lügen. Wenn ich das außer Acht lasse, dann ist meine Arbeit im Moment sogar ziemlich cool. Ich arbeite gerne auf dieser Station, dort fühle ich mich richtig, eben weil ich vielen Leuten helfen kann, besser mit ihren Problemen fertig zu werden. Die Kollegen sind nett, ich muss nicht zu viele Frühdienste am Stück machen, meine Prüfung lief gut, es läuft alles. Diese Woche habe ich Nachtdienst, das finde ich auch super, genieße es, selbstständig arbeiten zu können. Trotzdem bin ich nicht traurig, wenn der Einsatz in einer guten Woche vorbei ist. Es geht mir inzwischen wieder ein wenig besser als noch vor einigen Wochen, aber auf der Höhe bin ich trotzdem noch lange nicht. Aber ich arbeite daran. Mitte Dezember komme ich wieder auf diese Station, im Januar finden die richtigen praktischen Prüfungen statt. Ich fühle mich bereit dafür. Trotzdem muss die Zeit bis dahin nicht allzu schnell vergehen. Ich will die Zeit in der Schule genießen, wir fahren in der zweiten Novemberwoche sogar auf Klassenfahrt nach Berlin. Ich hasse Berlin zwar, wer mir schon länger folgt weiß auch warum, aber ich freue mich auch, eine Woche lang mit diesen wundervollen Menschen verbringen zu dürfen. Spätestens danach melde ich mich auch wieder und erzähle wie es war. Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit, passt auf euch auf und genießt die schönen Seiten des Lebens. Bis dann!