Samstag, 28. Mai 2022

Hey meine Lieben. Fuck, es sind schon wieder 2 Monate, die ich mich nicht gemeldet habe. Zugegeben hätte ich genug Zeit dafür gehabt, ich konnte mich einfach nur zu nichts aufraffen. Meine Gefühlslage hat sich in den letzten 2 Monaten auch nicht wirklich verändert. Ich dachte, ich müsste mir selbst einfach nur ein wenig Zeit geben, meinen neuen Rhythmus zu finden. Aber irgendwie verändert sich nicht. Im Gegenteil, es wird alles immer unerträglicher. Nicht, weil irgendwas passiert ist. Sondern eher, weil gar nichts mehr passiert. Ich arbeite, versuche zu schlafen, fühle mich mies und das wars. Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit 2 Monaten arbeite ich jetzt als Nachtwache auf einer Alkoholentzugsstation. Die Arbeit ist auch okay, nicht jeder aus dem Team zählt zu meinen Lieblingsmenschen aber ich kann mich eigentlich ganz gut anpassen. Nachts zu arbeiten ist eigentlich auch ganz gut und auch wenn ich meistens wenig Motivation habe zur Arbeit zu fahren, geht es mir dort meistens einigermaßen gut. Zumindest im Vergleich zu sonst. Denn da kann ich mich mit den Problemen von anderen Menschen befassen und muss nicht ständig an meine eigenen denken. Denn es ist eigentlich alles nur noch zum heulen. 

Ich kann mich zu gar nichts mehr aufraffen und hab auch eigentlich gar keinen Bock mehr. Keinen Bock mehr auf alles, am liebsten würde ich Schluss machen. Mit dem Leben. Ich sage mir jeden Tag, dass ich so lange durchgehalten habe und in den letzten Jahren so viele Gründe gefunden habe, für die es sich lohnt weiterzuleben. Aber trotzdem frage ich mich jeden Tag, ob es jemals wieder besser wird. Insgeheim kenne ich die Antwort. Denn ja, es wird immer wieder besser. Egal wie tief unten ich in meinem Leben schon war, es ist immer wieder besser geworden. Und das wird es dieses Mal auch. Ich muss dem ganzen nur eine Chance geben. Und wenn ich ganz ehrlich bin, gibt es auch hin und wieder einen besseren Tag oder zumindest ein paar gute Stunden. Denn hey, immerhin war ich letztes Wochenende mit meinem Freund und einer Freundin auf dem Japantag. Habe mich die Woche auch mit 2 Freundinnen zum frühstücken getroffen und letzten Monat war ich immerhin einmal mit einer Freundin spazieren. 3 Tage in den letzten 2 Monaten, in denen ich Freunde getroffen habe. Das ist doch gut, dafür, dass ich in einer schlechten Phase stecke, oder? Ist besser als nichts. Und immerhin schreibe ich auch mit ein paar Leuten. Manchmal brauche ich ein bisschen, bis ich es schaffe zu antworten und ich schaffe es nicht immer auszudrücken, was ich wirklich sagen will. Aber ich versuche dran zu bleiben. Außerdem will ich ja auch nicht jeden Tag nur rumjammern. Denn ich habe manchmal das Gefühl nichts anderes mehr zu tun. 

Ich mache ja mit einem Freund jeden Abend ein Memotagebuch, habe ich mal erwähnt denke ich. Und seit meinem letzten Post erzähle ich ihm jeden Abend bzw. jeden Morgen das gleiche. Das klingt etwa so: "Ich bin um 15 Uhr aufgestanden, war duschen, bin ne Runde spazieren gegangen, habe was zu essen gekocht, gegessen, Serie geschaut und bin zur Arbeit gefahren. Arbeit war okay und jetzt gehe ich schlafen." Wie gesagt, und täglich grüßt das Murmeltier. Manchmal gibt es ganz krasse Abweichungen und ich war joggen anstatt spazieren, oder habe Döner geholt anstatt zu kochen. Wahnsinn. Mein Leben ist so abwechslungsreich. Aber selbst wenn ich mal Bock hätte was zu machen, es ergibt sich einfach nie irgendwas. Ist halt kompliziert, wenn fast alle sozialen Kontakte auch im Schichtdienst arbeiten. Entweder man arbeitet an entgegengesetztes Wochenenden oder hat unterschiedliche Tage unter der Woche frei oder arbeitet in Schichten die sich so krass überschneiden, dass es einfach super selten klappt überhaupt mal einen Termin zu finden. Alles ziemlich kompliziert. Arbeitsleben kotzt ziemlich an. Wie kriegen andere Leute das hin? Wenn ich ehrlich bin, würde mein Memotagebuch eher jeden Tag so aussehen: "Ich bin um 12 Uhr aus einem scheiß Traum wach geworden und habe noch 3 Stunden im Bett gelegen und versucht auf mein Leben klar zu kommen (wahlweise vielleicht auch mal "bin nach einem wundervollen Traum wach geworden und habe danach einen Nervenzusammenbruch geschoben, weil es mich so traurig gemacht hat, in dieser beschissenen Realität wach geworden zu sein"). Um 15 Uhr bin ich dann mal wie ein Zombie auf die Couch gewandert und habe Ewigkeiten die Wand angestarrt und mich gefragt, ob ich mich jetzt umbringe oder dem Tag noch eine Chance gebe. Als ich gemerkt habe, in welche Richtung meine Gedanken wandern, bin ich schockiert aufgestanden und habe mich unter die kalte Dusche gestellt, um wieder klar denken zu können. Damit ich keine Scheiße baue bin ich bis zum Abend durch den Wald gelaufen, weil ich wusste wenn ich jetzt die Kontrolle verliere und mein Messer nehme, wird das der letzte Schnitt in diesem Leben gewesen sein. Weil ich es damit beendet hätte. Als ich das Gefühl hatte weit genug von mir selber weggelaufen zu sein, bin ich schweren Herzens wieder nach Hause gegangen um irgendwie mein Leben wieder aufzunehmen, denn auch wenn ich denke, dass ich mich an liebsten umbringen würde, ich ziehs ja doch nie durch, also muss es weiter gehen. Kochen. Essen. Staubsaugen. Wäsche machen. Was halt so ansteht. Dann liege ich noch ein Weilchen auf der Couch und denke nur daran, dass ich jetzt unmöglich zur Arbeit fahren kann. Wie zur Hölle sollte ich mich auch darauf konzentrieren? Tatsächlich ist die Arbeit aber gerade das, was mich am besten von meinen dunklen Gedanken ablenkt. Auch wenn es scheiße anstrengend ist, dort täglich die Maske aufzusetzen und mit Menschen zu reden. Aber alles in allem war die Schicht doch okay. Zuhause habe ich dann noch einen Schlaftee getrunken und bin gleich ins Bett gehuscht, weil ich scheiße müde bin. Ich hoffe, ich kann heute mal besser schlafen." Aber das ist ein bisschen lang, um es jeden Tag aufzunehmen, also doch die Kurzversion von oben. Und wie gesagt, ich will nicht, dass das einzige was ich mache jammern ist. Auch wenn es das letztendlich doch ist. 

Dieser Blog feiert morgen sein 10 jähriges Jubiläum. Unglaublich, oder? Ich war 15 bei meinem ersten Eintrag. Und auch damals habe ich kaum etwas anderes gemacht, als zu jammern. Gut, damals war ich mitten in der Pubertät, hatte vor einem Jahr erst meine Mutter verloren und eigentlich nur noch für andere Leute gelebt. Man sollte doch meinen, dass ich in 10 Jahren mal was dazu gelernt hätte. Na gut, ganz so hart darf ich zu mir selbst auch nicht sein, es ist nicht so, dass ich mich in der ganzen Zeit nicht entwickelt hätte. Es kommt nur immer wieder neue Scheiße dazu. Aber hey, bisher habe ich alles überstanden. Nicht immer unbeschadet, aber ich bin noch hier, trotz allem. Da wäre es doch gelacht, wenn ich es jetzt nicht auch schaffen würde diese Zeit zu überstehen. Man denkt vor jedem neuen Berg Scheiße "so schlimm war es noch nie" und dann hat man ihn irgendwann doch überwunden. Manchmal fragt man sich sogar, wieso man deswegen so einen Aufstand gemacht hat. Ich bin mir sicher dieser Tag wird auch für mich irgendwann wieder kommen. Nur halt nicht unbedingt morgen oder nächste Woche. Es ist immer schwer, sich an neue Situationen zu gewöhnen. Gerade weil ich eigentlich ein Mensch bin, der gerne eine konstante Struktur hat. Gut konstant ist gerade alles, wie ich ich ja eben geschildert habe, nur eben konstant scheiße, das ist auf Dauer natürlich nicht akzeptabel. Aber es wird wieder besser werden. Das muss es einfach. Wozu hätte ich mich denn sonst bis hierhin durchgekämpft? Bestimmt nicht, um mich jetzt von einer neuen Arbeitssituation killen zu lassen. Ich habe schon viel schlimmeres hinter mir. Das muss ich mir immer wieder vor Augen halten. Ich habe nicht all den Scheißdreck der letzten 25 Jahre überlebt, um jetzt am Job zu scheitern. Ihr müsst nur noch ein bisschen Geduld mit mir haben, dann kriege ich das auch wieder hin. Und vor allem muss ich Geduld mit mir selber haben und darf nicht aufgeben. Ja, das fällt mir schwer und ja, ich bin mal wieder an dem Punkt wo ich denke "es war noch nie so schlimm wie jetzt" aber das ist Bullshit. Es war in meinem Leben schon so viel schlimmer. Also Augen zu und durch, es wird weitergehen. Es MUSS weitergehen. 

In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute, ich hoffe, mein nächster Post lässt nicht so lange auf sich warten. Machts gut!