Okay, die Tatsache, dass ich mich jetzt zum zweiten Mal innerhalb einer Woche melde, ist wohl kein gutes Zeichen. Mir geht es wirklich nicht sonderlich gut, die letzten Tage ist es besonders schlimm. Am Dienstag habe ich mich bereits mit einem Messer auf dem Mädchenklo meiner Schule verschanzt. Zum Glück hatte ein Freund aus meinem Kurs gemerkt, dass was nicht stimmt, hat mich überredet raus zu kommen und sich mit mir raus gesetzt, um mich abzulenken. Also nichts passiert, dank ihm. Allerdings habe ich immer häufiger Erinnerungslücken und plötzlich Kratzer, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen. Zumindest rede ich mir ein, dass das Kratzer sein müssen, sonst würde ich wahrscheinlich auf der Stelle durchdrehen und etwas tun, was nicht gut wäre. Ich habe die Tage einer Freundin bei einem Spaziergang davon erzählt. Sie meinte, ich sollte mir mal eine Auszeit nehmen und etwas zur Ruhe kommen. Das stimmt wahrscheinlich, aber ich habe auch Angst davor, den ganzen Tag mit mir alleine zu sein. Wenn ich in der Klasse sitze fühle ich mich verloren, aber zuhause alleine bin ich auch so furchtbar einsam, es ist egal wo ich bin, es fühlt sich nie richtig an. Außerdem möchte ich jeden Tag, den ich noch mit den Menschen aus meinem Kurs verbringen kann genießen, davon gibt es nämlich nicht mehr so viele. Der Gedanke daran ist wahrscheinlich auch etwas, was mich fertig macht. Auf den Stationen sind so viele dämliche Mitarbeiter, aber dort in der Schule sind so viele wundervolle Menschen auf einem Haufen und der Gedanke, dass wir bald nie wieder alle zusammen in einem Klassenraum sitzen werden, oder uns in der Pause zum rauchen versammeln, macht mich so unfassbar traurig, dass ich heulen könnte. Was ich im übrigen gerade auch tue. Erwachsen sein ist scheiße, darauf hat mich keiner vorbereitet. Gut, dass ich eine Gedichtsanalyse auf drei verschiedenen Sprachen schreiben kann. Warum hat mir niemand beigebracht, wie ich neben meinem Beruf auch ein Sozialleben habe? Oder wie man es trotz Alltag schafft, ein glückliches Leben zu haben? Im Moment überlebe ich nur. Ein Sozialleben kann ich nur führen, wenn ich nicht arbeiten muss. Dann kann ich mir das allerdings nicht wirklich leisten. Sind alle Leute in ihren Jobs so fertig, oder habe ich mir einfach nur den falschen Beruf ausgesucht? Aber ich weiß auch nicht, was ich sonst machen soll. Ich komme immer noch nicht darauf klar, dass mein Plan A nicht funktioniert hat. Ich hätte mich wirklich gerne den Rest meines Lebens in einem Labor versteckt. Warum hat mich niemand aufgehalten, als ich fernab meiner Sinne beschlossen habe in die Pflege zu gehen? Jeder der mich kennt weiß, dass das nicht das richtige für mich ist. Ich habe zu viel Angst vor Menschen und bin viel zu empfindlich für einen rauen Umgangston. Zugegeben ist es in den letzten zweieinhalb Jahren deutlich besser geworden und als Bonus habe ich aufgehört mich zu ritzen. Und hätte ich mich nicht für diese bescheuerte Ausbildung entschieden, hätte ich diese tollen Menschen nie kennengelernt. Umso schlimmer ist es, dass sich jetzt schon alles nach Abschied anfühlt. UND VERFICKTE SCHEISSE ICH WILL MIR EINFACH NUR ALLES AUFSCHNEIDEN!! Tschuldigung, das musste mal kurz raus. Verliere den Verstand und so, hatte ich vor ein paar Tagen bereits erörtert. Fuck. Meine Psychologin antwortet mir immer noch nicht, mein Freund ist entweder überfordert oder hat den Ernst der Lage noch nicht erkannt, aber ich habe auch keine Lust das ganze jetzt mit ihm zum vierten Mal zu diskutieren. Also bleiben da nur ich und die 19 Stimmen in meinem Kopf. Oder Persönlichkeiten. Die sich darum prügeln, das Bewusstsein zu übernehmen und dafür sorgen, dass ich ständig Erinnerungslücken habe. Das ist irgendwie ein ganz neues Level des Kontrollverlustes. Ich konnte besser damit leben, mir auf einer Klassenfahrt 20 Schnitte zuzufügen oder zur Schnapsleiche zu mutieren. Das waren auch Kontrollverluste, aber irgendwie hatte ich trotzdem das Gefühl, noch einen Funken Kontrolle zu haben, denn ich konnte nach ein paar harten Tagen immer wieder das Ruder rumreißen. Und jetzt stehe ich jeden Morgen vor dem Spiegel und guckte nach, ob einer meiner 19 Begleiter nachts der Meinung war, dass es Zeit für einen Rückfall war. Achso, falls ich das noch nicht erwähnt habe, bin mir nicht sicher, ich habe auf meine Diagnosenliste noch eine dissoziative Identitätsstörung, kurz DIS, hinzugefügt, was lustiger klingt als es ist. Bisher hat meine Psychologin unter Tranceinduktion 19 weitere Persönlichkeiten gefunden. Die habe ich meistens ganz gut unter Kontrolle, aber im Moment nicht so wirklich. Zum Beispiel erinnere ich mich nicht mehr daran, wie ich heute nach hause gefahren bin. Ich weiß noch, dass ich zum Auto gegangen bin und dabei eine geraucht habe. Und dann lag ich auf der Couch, in eine pinke Kuscheldecke gewickelt, der Fernseher lief und anscheinend habe ich mir was zu essen warm gemacht. Dazwischen lagen ca. 40 Minuten. Wenn ich jetzt bedenke, dass manche meiner Anteile erst 4 Jahre alt sind und nicht Auto fahren können, ist das schon ein kritischer Aspekt. Ich habe die Tage mehr aus Spaß als Ernst zu einem Freund gesagt, dass es vielleicht langsam mal Zeit wird, dass ich mir ein paar Pillen beim Psychiater verschreiben lasse. Vielleicht wird es wirklich Zeit. Aber ich will nicht. Ich würde ja gerne sagen, dass ich im Besitzt meiner geistigen Fähigkeiten bleiben möchte, aber der Zug ist wohl abgefahren. Trotzdem bin ich nicht bereit für Pillen. Das ist erst die aller letzte Option. Und da ich noch nicht als Patient in der Psychiatrie war, sind meine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Nicht, dass ich dahin will, aber es wäre zumindest noch eine Option. Obwohl ich dort wahrscheinlich auch mit Pillen vollgestopft werden würde. Also eher doch keine Option. Außerdem arbeite ich da.
Zuviel zu meinem heutigen Gedankenmüll. Es tut mir Leid, dass ich eure Zeit verschwendet habe, trotzdem wünsche ich noch eine angenehme Woche und ein schönes Wochenende. Einige Leute freuen sich wahrscheinlich, dass morgen Freitag ist. Also lasst es krachen Leute. Bis bald.