Donnerstag, 26. August 2021

 Okay, die Tatsache, dass ich mich jetzt zum zweiten Mal innerhalb einer Woche melde, ist wohl kein gutes Zeichen. Mir geht es wirklich nicht sonderlich gut, die letzten Tage ist es besonders schlimm. Am Dienstag habe ich mich bereits mit einem Messer auf dem Mädchenklo meiner Schule verschanzt. Zum Glück hatte ein Freund aus meinem Kurs gemerkt, dass was nicht stimmt, hat mich überredet raus zu kommen und sich mit mir raus gesetzt, um mich abzulenken. Also nichts passiert, dank ihm. Allerdings habe ich immer häufiger Erinnerungslücken und plötzlich Kratzer, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen. Zumindest rede ich mir ein, dass das Kratzer sein müssen, sonst würde ich wahrscheinlich auf der Stelle durchdrehen und etwas tun, was nicht gut wäre. Ich habe die Tage einer Freundin bei einem Spaziergang davon erzählt. Sie meinte, ich sollte mir mal eine Auszeit nehmen und etwas zur Ruhe kommen. Das stimmt wahrscheinlich, aber ich habe auch Angst davor, den ganzen Tag mit mir alleine zu sein. Wenn ich in der Klasse sitze fühle ich mich verloren, aber zuhause alleine bin ich auch so furchtbar einsam, es ist egal wo ich bin, es fühlt sich nie richtig an. Außerdem möchte ich jeden Tag, den ich noch mit den Menschen aus meinem Kurs verbringen kann genießen, davon gibt es nämlich nicht mehr so viele. Der Gedanke daran ist wahrscheinlich auch etwas, was mich fertig macht. Auf den Stationen sind so viele dämliche Mitarbeiter, aber dort in der Schule sind so viele wundervolle Menschen auf einem Haufen und der Gedanke, dass wir bald nie wieder alle zusammen in einem Klassenraum sitzen werden, oder uns in der Pause zum rauchen versammeln, macht mich so unfassbar traurig, dass ich heulen könnte. Was ich im übrigen gerade auch tue. Erwachsen sein ist scheiße, darauf hat mich keiner vorbereitet. Gut, dass ich eine Gedichtsanalyse auf drei verschiedenen Sprachen schreiben kann. Warum hat mir niemand beigebracht, wie ich neben meinem Beruf auch ein Sozialleben  habe? Oder wie man es trotz Alltag schafft, ein glückliches Leben zu haben? Im Moment überlebe ich nur. Ein Sozialleben kann ich nur führen, wenn ich nicht arbeiten muss. Dann kann ich mir das allerdings nicht wirklich leisten. Sind alle Leute in ihren Jobs so fertig, oder habe ich mir einfach nur den falschen Beruf ausgesucht? Aber ich weiß auch nicht, was ich sonst machen soll. Ich komme immer noch nicht darauf klar, dass mein Plan A nicht funktioniert hat. Ich hätte mich wirklich gerne den Rest meines Lebens in einem Labor versteckt. Warum hat mich niemand aufgehalten, als ich fernab meiner Sinne beschlossen habe in die Pflege zu gehen? Jeder der mich kennt weiß, dass das nicht das richtige für mich ist. Ich habe zu viel Angst vor Menschen und bin viel zu empfindlich für einen rauen Umgangston. Zugegeben ist es in den letzten zweieinhalb Jahren deutlich besser geworden und als Bonus habe ich aufgehört mich zu ritzen. Und hätte ich mich nicht für diese bescheuerte Ausbildung entschieden, hätte ich diese tollen Menschen nie kennengelernt. Umso schlimmer ist es, dass sich jetzt schon alles nach Abschied anfühlt. UND VERFICKTE SCHEISSE ICH WILL MIR EINFACH NUR ALLES AUFSCHNEIDEN!! Tschuldigung, das musste mal kurz raus. Verliere den Verstand und so, hatte ich vor ein paar Tagen bereits erörtert. Fuck. Meine Psychologin antwortet mir immer noch nicht, mein Freund ist entweder überfordert oder hat den Ernst der Lage noch nicht erkannt, aber ich habe auch keine Lust das ganze jetzt mit ihm zum vierten Mal zu diskutieren. Also bleiben da nur ich und die 19 Stimmen in meinem Kopf. Oder Persönlichkeiten. Die sich darum prügeln, das Bewusstsein zu übernehmen und dafür sorgen, dass ich ständig Erinnerungslücken habe. Das ist irgendwie ein ganz neues Level des Kontrollverlustes. Ich konnte besser damit leben, mir auf einer Klassenfahrt 20 Schnitte zuzufügen oder zur Schnapsleiche zu mutieren. Das waren auch Kontrollverluste, aber irgendwie hatte ich trotzdem das Gefühl, noch einen Funken Kontrolle zu haben, denn ich konnte nach ein paar harten Tagen immer wieder das Ruder rumreißen. Und jetzt stehe ich jeden Morgen vor dem Spiegel und guckte nach, ob einer meiner 19 Begleiter nachts der Meinung war, dass es Zeit für einen Rückfall war. Achso, falls ich das noch nicht erwähnt habe, bin mir nicht sicher, ich habe auf meine Diagnosenliste noch eine dissoziative Identitätsstörung, kurz DIS, hinzugefügt, was lustiger klingt als es ist. Bisher hat meine Psychologin unter Tranceinduktion 19 weitere Persönlichkeiten gefunden. Die habe ich meistens ganz gut unter Kontrolle, aber im Moment nicht so wirklich. Zum Beispiel erinnere ich mich nicht mehr daran, wie ich heute nach hause gefahren bin. Ich weiß noch, dass ich zum Auto gegangen bin und dabei eine geraucht habe. Und dann lag ich auf der Couch, in eine pinke Kuscheldecke gewickelt, der Fernseher lief und anscheinend habe ich mir was zu essen warm gemacht. Dazwischen lagen ca. 40 Minuten. Wenn ich jetzt bedenke, dass manche meiner Anteile erst 4 Jahre alt sind und nicht Auto fahren können, ist das schon ein kritischer Aspekt. Ich habe die Tage mehr aus Spaß als Ernst zu einem Freund gesagt, dass es vielleicht langsam mal Zeit wird, dass ich mir ein paar Pillen beim Psychiater verschreiben lasse. Vielleicht wird es wirklich Zeit. Aber ich will nicht. Ich würde ja gerne sagen, dass ich im Besitzt meiner geistigen Fähigkeiten bleiben möchte, aber der Zug ist wohl abgefahren. Trotzdem bin ich nicht bereit für Pillen. Das ist erst die aller letzte Option. Und da ich noch nicht als Patient in der Psychiatrie war, sind meine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Nicht, dass ich dahin will, aber es wäre zumindest noch eine Option. Obwohl ich dort wahrscheinlich auch mit Pillen vollgestopft werden würde. Also eher doch keine Option. Außerdem arbeite ich da. 

Zuviel zu meinem heutigen Gedankenmüll. Es tut mir Leid, dass ich eure Zeit verschwendet habe, trotzdem wünsche ich noch eine angenehme Woche und ein schönes Wochenende. Einige Leute freuen sich wahrscheinlich, dass morgen Freitag ist. Also lasst es krachen Leute. Bis bald. 

Montag, 23. August 2021

 Guten Abend meine Lieben. Ich muss mir jetzt einfach mal die Zeit zum bloggen nehmen. Seit fast zwei Wochen bin ich jetzt aus dem Einsatz raus, ich habe durchgehalten, ohne mich krankschreiben zu lassen oder so und habe sogar eine gute Note von der Station bekommen, immerhin. Seit meinem letzten Post habe ich es auch wieder besser geschafft, was mit mir anzufangen, habe meine Interessen wieder verfolgt und wenigstens eine Stunde am Tag was gemacht, was ich gern mache. Ich bin so froh, jetzt wieder Schule zu haben. Allerdings sind wir seit Freitag der Examenskurs und jeder Lehrer reibt uns mindestens fünf mal pro Stunde unter die Nase, dass wir uns auf die Prüfungen vorbereiten müssen, was alle irgendwie unter Druck setzt, weil uns durch Corona einfach mega viel Stoff fehlt und da die Inzidenzen wieder hoch gehen, müssen wir jeden Tag bangen, dass wir zurück ins Home Schooling  müssen, was eine Katastrophe wäre. Für den Moment versuche ich mich darauf zu konzentrieren, mich darüber zu freuen, meine Klasse wiederzusehen. Wir haben am Freitag eine Kursfeier gemacht, wohin immerhin 13 von 20 Leuten gekommen sind. Ich habe sogar bei der Gastgeberin übernachtet, sowas mache ich sonst nie. Aber es hat sich echt gelohnt, es war ein richtig toller und viel zu kurzer Abend. Dabei habe ich nicht mal geschlafen. Wir haben gegrillt, getrunken, ich habe mit ein paar Leuten gekifft und mit einem Freund aus dem Kurs Deeptalk geführt. Ich könnte jetzt weiter ins Detail gehen, aber da niemand diese Leute kennt ist es für euch nur halb so witzig. Aber ich versichere euch, es war ein Abend, an den ich noch lange mit einem Lächeln auf den Lippen zurückdenken werde. Diese Truppe wundervoller Menschen fehlt mir jetzt schon, wenn ich daran denke, dass wir in gut 7 Monaten mit der Ausbildung fertig sein werden und sich die meisten Wege wohl dann trennen werden. Ich habe diese Ausbildung ja wirklich oft und viel verteufelt und mich immer wieder gefragt, warum ich mir den Scheiß antue, aber alleine für die Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte hat es sich gelohnt. 

Naja, auf jeden Fall habe ich den Rest des Wochenendes weiter mit trinken und kiffen verbracht und komme heute ein bisschen nicht auf mein Leben klar, weil ich nicht nüchtern sein will. Obwohl das was ich bisher geschrieben habe ja eigentlich ziemlich positiv klingt, bin ich in den letzten Wochen trotzdem total durcheinander. Meine innere Anspannung macht was sie will und ich denke jeden Tag darüber nach, wie gerne ich mich wieder schneiden will. Und jeden Tag denke ich mir ein bisschen lauter "scheiß drauf, machs einfach" und das ist nicht gut. Ich habe das Gefühl, mich mal wieder auf dem Weg zu einem Super GAU zu befinden, ich spüre einfach, dass es irgendwann wieder knallen wird. Vielleicht schon morgen, vielleicht auch erst in drei Monaten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht mehr lange durchhalte. Meine Strategien versagen langsam aber sicher. Ich war seit Anfang Juli nicht mehr bei meiner Psychologin, weil sie meine Nachrichten nicht beantwortet, was irgendwie ziemlich ungünstig ist. Und mir zeigt, dass ich keinen Plan habe, wie ich klar kommen soll, wenn meine Stunden voll sind, weil ich ja anscheinend durchdrehe, wenn ich mal einen Monat lang auf mich alleine gestellt bin. Dabei rede ich mit Leuten, es ist nicht so, als würde ich alles in mich rein fressen. Und wenn ich auf den Friedhof gehe und mit einem Grabstein spreche, scheißegal, aber ich lasse es irgendwie raus. Aber im Grunde kann ich ja mit Alex über alles reden. Und mit zwei Leuten aus meinem Kurs spreche ich eigentlich auch über fast alles. Aber gleichzeitig laugt mich diese intensive soziale Interaktion auch aus. Was das Bedürfnis mich zu schneiden noch stärker macht. Das Wort "Teufelskreis" geistert mir diesbezüglich im Kopf rum. Ach Leute, wieso ist es so kompliziert zu leben? Am liebsten würde ich mich für die nächsten drei Jahre unter meiner Decke verkriechen und eine Pause von allem machen. Aber das geht auch nicht. Ich könnte eine Pause für immer machen und mich einfach umbringen, aber tatsächlich ist das auch nicht das, was ich will. Ich will nicht sterben. Aber ich bin trotzdem gerade mal wieder an einem Punkt angekommen, wo ich sage: So kann es auch nicht weitergehen. Ich kann nicht wochenlang nur damit beschäftigt sein, mich nicht selbstzuverletzen. Aber wieder damit anfangen kann ich auch nicht. Den Scheiß aus meinem Leben schmeißen schaffe ich auch nicht, dafür war ich zu tief drin. Das Bedürfnis mit Drogen und Alkohol zu überdecken versagt auch gerade, weil ich das nur am Wochenende machen kann, weil ich unter der Woche halt Auto fahren muss. Zu Schulzeiten konnte ich einfach morgens mit saufen anfangen und bin dann halt zu Fuß zur Schule. Aber knapp 20km ist ein bisschen weit, um zu Fuß zu laufen. Und eigentlich sollte ich mein Ritzproblem auch nicht mit nem anderen Suchtproblem lösen wollen, ich sollte inzwischen gelernt haben, dass das sinnlos ist. Ich glaube, ich werde einfach langsam verrückt. Also noch verrückter als ich ohnehin schon bin. Vielleicht bin ich auf dem Weg, meinen Verstand jetzt endgültig zu verlieren. Scheiß drauf, dann ist das halt so. Aber ich wäre wirklich dankbar, wenn das etwas schneller vonstatten gehen würde, weil gerade bin ich einfach nur im freien Fall, finde nichts, woran ich mich festhalten kann und weiß nicht, wo ich landen werde und wie viel dann noch von mir zu retten ist. Ich wünschte meine Mama würde mir antworten, wenn ich sie um Rat frage. Sie wäre wahrscheinlich der einzige Mensch, der mir jetzt helfen könnte. Und wenn sie sich einfach mit mir in mein verdammtes Bett kuscheln würde und so lange mit meinen Plüschkatzen rumalbern würde, bis ich wieder lachen könnte. Das hat immer geholfen. Egal wie schlimm die Nacht war, sobald meine Mama bei mir war, ging es mir besser. Sie hat es immer geschafft, dass ich wieder lachen konnte. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr sie mir immer noch jeden Tag fehlt und wie sehr ich mir wünsche, noch einmal mit ihr reden zu können, damit ich ihr sagen kann, wie sehr ich sie liebe. Und dass ich ihr unendlich dankbar bin, für jeden Moment meines Lebens, den ich mit ihr verbringen durfte. Ich könnte mir keine bessere Mama vorstellen und ich weiß wirklich nicht, wie ich es 10 Jahre lang geschafft habe ohne sie klarzukommen. Ich vermisse sie so sehr und bin gerade so durcheinander und überfordert mit mir selbst, dass es besonders schlimm ist, dass sie nicht da ist. 

Ich hoffe, euch geht es besser. Habt eine schöne Woche, bis bald meine Lieben. Und dann hoffentlich wieder in einer stabileren Verfassung meinerseits. Machts gut.