Mittwoch, 23. November 2022

Hallöchen meine Lieben! Nicht zu fassen, ich melde mich noch vor dem Meditationsretreat wieder bei euch. Wahnsinn! Ich hatte einfach das Bedürfnis dazu, irgendwas zu schreiben. Das habe ich in den letzten Tagen wieder mehr, Lust zu schreiben. Was eigentlich ein gutes Zeichen ist, immerhin habe ich überhaupt mal wieder Lust IRGENDWAS zu machen. Das Problem dabei ist nur, dass ich dringend einen neuen Laptop brauche, weil meiner ein einziger Bug ist, ständig hängt er sich auf, oder braucht ne Stunde um ein Programm zu öffnen. Wenn ich Lust habe was zu schreiben, aber der Laptop erstmal ne Stunde zum Hochfahren braucht und es dann eine weitere Stunde dauert, bis mein Schreibprogramm startklar ist, dann ist das ein richtiger Killer für meine Inspiration. Ich schau mich schon nach etwas neuem um, aber da ich nicht besonders viel Ahnung von Technik habe dauert das ein wenig. Natürlich könnte ich auch in Notizbücher schreiben, aber irgendwie gehörte das für mich so mit zum Unterricht dazu, dass Notizbücher mich mittlerweile nur noch daran erinnern wie sehr mir die Schule fehlt. Das habe ich schon immer gemacht, während des Unterrichts in Notizbüchern meine Gedanken aufzuschreiben, egal ob Gesamtschule, Uni oder Krankenpflegeschule. Klingt unlogisch, aber das hat mir geholfen, mich zu konzentrieren, weil ich dabei das durcheinander in meinem Kopf ordnen konnte und so die Möglichkeit geschaffen habe, Lernstoff aufnehmen zu können. Ich habe immer so gerne geschrieben, habe es geliebt mir neue Notizbücher in den verschiedensten Einbänden zu kaufen und zu füllen und jetzt macht es mich nur noch traurig in ein Notizbuch zu  blicken. Und die Tatsache, dass mich das traurig macht, macht mich auch traurig und auch ein bisschen wütend auf mich selbst. Es ist, als ob ich danach suchen würde unglücklich zu sein. Den Vorwurf haben mir im Laufe meines Lebens ein paar Leute gemacht und ich verstehe, dass es manchmal wirklich so aussieht. Als würde ich aktiv zu viel in manche Dinge hineininterpretieren, nur um einen Grund zu haben, mich schlecht zu fühlen. Glaubt mir, aktiv mache ich das bestimmt nicht. Aber ich habe in den letzten Jahren erkannt, dass ich mich an viele Sachen klammere, die mich eigentlich unglücklich machen. Weil der Schmerz die letzte Verbindung zu dem ist, was man verloren hat. Und ich würde lieber den Rest meines Lebens vor mich hin leiden, als auch nur eine von diesen Verbindungen zu trennen. Obwohl ich weiß, dass das die gesündere Alternative wäre. Es würde eine Weile wehtun und dann heilen. Aber ich habe solche Angst davor, auch nur eine von meinen Erinnerungen zu verlieren, dass ich sie mir im Geiste ständig vor Augen halte. Und es sind so unglaublich viele. Manche von ihnen verblassen trotzdem. Umso stärker halte ich an den anderen fest. Ich will nicht vergessen wie die Stimme meiner Mutter klang. Oder wie das Pafum meiner Oma roch. Die Namen die meine Mutter meinen 200 verschiedenen Plüschkatzen gegeben hat. Wie es war in der Scheune meiner Oma zu spielen, auf Strohballen zu klettern, mit den Katzen zu kuscheln und zum Abschluss des Tages Omas selbstgemachte Waffeln zu essen. Die Einkaufsbummel mit Mama und meiner Patentante, als wir alle noch eine Familie waren. Die letzte Umarmung von Nicole, bevor sie sich 2 Tage später das Leben nahm. Mit Dean bekifft vor dem Zelt liegen und kuschelnd den Sternenhimmel betrachten. Mit Sven zusammen raus in die weite Welt ziehen, unsere erste eigene Wohnung mieten, studieren. Die wundervollen Menschen die ich in Bonn kennengelernt habe. Die Mädelsabende, die wir früher jeden Freitag machten. Mein Trainer, der mich vom Rand aus anfeuert und mit mir gemeinsam zum Zielsprint ansetzt, um mich zu motivieren. 

Jede dieser Erinnerungen an sich ist eigentlich etwas sehr schönes. Meine Mama war der wundervollste Mensch, den ich jemals kennenlernen durfte. Meine Omas waren so unterschiedlich, doch beide immer darauf bedacht, dass wir eine schöne Zeit zusammen haben. Ich hatte einen wundervollen Freundeskreis mit Freunden, bei denen ich das Gefühl hatte, unser Band wird stärker, je länger wir uns kennen. Bis es irgendwann einfach gerissen ist. Ich hatte auch schöne Beziehungen, die mir viel gegeben haben, doch auch diese waren nicht für die Ewigkeit bestimmt. Ich hatte sogar Hobbies in denen ich aufgegangen bin, Menschen die mich gefördert haben. Ja, all diese Erinnerungen sind wunderschön, aber es bringt mich um, dass sie vorbei sind. Mir ist bewusst, dass das nunmal der Lauf der Dinge ist. Man lernt sich kennen, hat eine schöne Zeit zusammen und irgendwann trennen sich die Wege wieder. Weil man sich unterschiedlich entwickelt, andere Schwerpunkte im Leben setzt, weil einer weg zieht oder einer stirbt. Irgendwann endet jede Beziehung und das weiß ich auch, trotzdem will ich sie nicht loslassen. Wir hatten in der Krankenpflegeschule ein Sterbeseminar und die Leiterin hat jeden von uns gefragt, ob er in der Vergangenheit, Zukunft, oder Gegenwart lebt. Erschreckend viele meiner Mitschüler antworteten wie ich: Vergangenheit. Damals ist mir erst bewusst geworden, dass ich mehr Zeit damit verbringe, an dem festzuhalten was mal war, als mich auf das zu konzentrieren, was um mich herum gerade passiert. Und ich frage mich, an welchem Punkt in meinem Leben ich so geworden bin. Ich weiß, dass ich in meinem Leben viel Zeit damit verbracht habe, mich mies zu fühlen und dass es auch genug Anlass dazu gab. Aber wenn ich so zurückblicke dann gab es tatsächlich eine Zeit, in der ich gut in der Gegenwart leben konnte. Es fing so mit 16 oder 17 an, als meine Freunde und ich unabhängiger von unseren Eltern wurden und abends viel Zeit zusammen verbracht haben. Als wir aufgehört haben, uns hinter unseren Fassaden zu verstecken und ehrlich miteinander waren. Ich hatte das Gefühl, gut integriert zu sein in meinen Freundeskreis, im Sportverein und in meiner Gitarrengruppe. Das war früher nie so, ich habe mich eigentlich mein ganzes Leben lang überall anders und fehl am Platz gefühlt, aber endlich hatte ich das Gefühl einer gewissen Integrität. Dann kam Doc, in seiner Gegenwart war ich auch immer auf das hier und jetzt fokussiert. Selbst als die Flashbacks begannen und mir den Boden unter den Füßen weggerissen haben, war ich so integriert, dass viele Leute versucht haben mir zu helfen. Ich war ehrlich zu meinen Freunden, habe mich einem Lehrer anvertraut und in der Therapie mitgearbeitet. Dann kam Sven und hat mich langsam zurück ins Leben geführt. Und dann fing irgendwann wieder alles an einzustürzen. Freunde wollten, dass ich mich zwischen Freundschaft und Beziehung entscheide. Durch meine Knieverletzung musste ich mit Leichtathletik aufhören und als ich nach Bonn gezogen bin, hatte sich das mit dem Gitarrenverein auch erledigt. Sven war in dieser Zeit meine einzige Konstante, was auf Dauer auch nicht gut für eine Beziehung ist. In Bonn bin ich nie ganz angekommen, ich hatte zwar Leute kennengelernt mit denen ich mich gut verstanden habe, aber wir haben so gut wie nie außerhalb der Uni was zusammen gemacht. Dann ist ein Freund von Sven gestorben. Dann ist Sven vom kiffen krank geworden. Dann ist eine Freundin von mir gestorben. Wir haben unser Studium abgebrochen und die einzige Konstante in meinem Leben brach immer weiter ein, denn nichts war mehr konstant. Ich hatte keinen Halt mehr, keinen Freundeskreis der mir hätte Rückhalt geben können, keine Hobbies auf die ich mich konzentrieren konnte, nicht mal mehr mein Studium, der einzige Plan den ich jemals für mein Leben hatte. Meine Beziehung stand auf dem Kopf, es fühlte sich an als wäre nichts mehr so wie es sein sollte. Und ich glaube von dieser Achterbahnfahrt habe ich mich nie wirklich erholt. Statt mich damals damit auseinanderzusetzen wie es mir ging und was ich daran machen könnte habe ich den Resetknopf gedrückt und einfach alles anders gemacht. Neue Beziehung, neuer Job, neue Freunde. Nur dass ich es nie geschafft habe, dort irgendeine Art von Struktur reinzubringen. Ich wollte wieder so einen Freundeskreis haben wie vor dem Studium, vor meinen Beziehungen, doch musste feststellen, dass das in der Erwachsenenwelt nicht möglich ist. Zumindest nicht, wenn man bei 0 anfängt. Die meisten Leute hatten ja schon einen Freundeskreis und der geht vor, wenn man wie wir im Schichtdienst arbeitet und es schwer genug ist in diesem Job Freundschaften zu pflegen. 

Ich habe das Gefühl, dass ich alles falsch gemacht habe. Als ich noch mit Sven zusammen war habe ich gedacht ich brächte keine Freunde, ich hatte ja ihn. Mit diesem Gedanken habe ich mich für die Pflegeausbildung entschieden, weil ich hatte ja kein Privatleben, auf das ich dafür hätte verzichten müssen und ich habe auch gedacht, dass es außer Frage steht, dass ich mir das jemals wieder wünschen würde. Dann bin ich mit Alex zusammengekommen und mir ist klar geworden, dass genau das die Beziehung zu Sven zerstört hatte: Dass wir immer nur aufeinander gehockt haben und beide viel zu sehr voneinander abhängig waren. Dann habe ich während der Ausbildung so viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich mir das Konzept von Freundschaft wieder vorstellen konnte. Aber dann ist da jetzt mein toller Job, der mir kaum erlaubt so etwas wie ein Privatleben zu haben. Also hänge ich jetzt hier und verbringe die meiste Zeit alleine, schwelge in meinen Erinnerungen und frage mich, wo ich in meinem Leben falsch abgebogen bin. Damit will ich auf keinen Fall die Dinge schlecht machen, die ich habe. Ich liebe Alex und ich will den Rest meines Lebens mit ihm verbringen. Und ich bin froh, dass ich nach der Ausbildung eine gute Stelle bekommen habe und genug Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Und ich bin dankbar für die Freundschaften in meinem Leben, egal ob alte Freunde zu denen sich der Kontakt wieder aufgebaut hat, oder neue Freunde, mit denen ich mich erst noch einspielen muss. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Puzzleteile die ich in der Hand halte nicht zusammenpassen und niemals ein vollständiges Bild ergeben werden. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich keine Ahnung habe, welches Bild ich mir für meine Zukunft wünsche. Es gibt noch so vieles, über das ich mir klar werden muss, was ich vor mir her schiebe, seit ich diesen Resetknopf gedrückt habe, ich weiß nur immer noch nicht wo ich anfangen soll. Es ist, als wäre meine Welt aus Glas gewesen und ich hätte sie mit einem Vorschlaghammer kurz und klein geschlagen. Und jetzt versuche ich aus dem Scherbenmeer eine neue Welt aufzubauen. Ich weiß, dass ich zu viel Schaden angerichtet habe, um wieder die Ursprungswelt zu bauen, doch mein Blick geht immer wieder zurück, um Orientierung im Vertrauten zu finden. Doch ich werde niemals eine Welt, meine Welt, bauen können, wenn ich mich nicht damit befasse, wohin sie mich bringen soll. Ich kann mir keine Zukunft ausmalen, realistisch, wenn sich in meinem Kopf nur ein Puzzle aus Teilen zusammensetzt, die gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich bekomme keine Welt, in der meine Mama noch lebt, in der Nicole nicht vor einen Zug gesprungen ist, in der ich auch als Erwachsene noch auf dem Hof meiner Oma spielen kann. Ich bekomme auch meine Mädelsclique nicht zurück, es wird keine Kochabende mit ihnen mehr geben, keinen Serienmarathon oder Kneipenabend. Mein Knie wird auch nicht auf wundersame Weise wieder Leistungssport machen können und ich werde nicht plötzlich gut genug für ein Physikstudium. Aber anstatt das zu akzeptieren und mich auf die Puzzleteile zu konzentrieren die mir zur Verfügung stehen verkrieche ich mich in meinem Kopf, kümmere mich einen Scheißdreck um meine Gegenwart, geschweige denn um meine Zukunft, und erinnere mich daran, wie es einmal war. Verherrliche die Dinge von Früher, wünsche mich zurück. Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann war es früher auch nicht besser. Überall in meiner Familie waren alkoholabhängige Choleriker, mein Onkel hat mich jahrelang missbraucht, sodass ich meine gesamt Kindheit damit verbracht habe mich möglichst unsichtbar zu machen, damit mir niemand wehtut. Dadurch durfte ich mir dann immer von allen Seiten anhören, dass ich zu still bin, ständig hatte jemand etwas an mir zu meckern, nie war ich gut genug. Und dann ist auch noch der einzige Mensch, der mich nicht verändern wollte, der immer auf meiner Seite war und alles für mich getan hat, gestorben. Ich musste hilflos dabei zusehen, wie meine Mama verschwand und eine so unendliche Leere hinterließ, die ich bis heute mit nichts füllen kann. Meine Freunde verstanden nicht, was mit mir los war und meine Lehrer packten mich nur noch mit Samthandschuhen an, sodass ich genug Freiraum hatte, mich ungestört zu ritzen, zu besaufen und Drogen zu nehmen. Dann kamen die Flashbacks. Und dann begann die oben genannte Abwärtsspirale. Also welchem ach so tollen früher trauere ich eigentlich hinterher? Ich schätze, ich habe aus jeder dieser Zeiten die schönsten Erinnerungen genommen und zu einer großen schönen Welt zusammengefügt. Und jetzt rede ich mir ein, dass ich zu etwas zurück möchte, was auf diese Weise niemals existiert hat. 

Und nachdem ich jetzt 2 Stunden hier gesessen und versucht habe, meinen Problemen auf den Grund zu gehen ist die Lösung eigentlich ganz einfach. Und doch habe ich gleich wieder das Bedürfnis mich zu betäuben und anschließend schlafen zu gehen, damit ich mich bloß nicht damit beschäftigen muss. Ich bin so müde. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Und bin mir nichtmal sicher, ob ich anfangen will. 

Mittwoch, 26. Oktober 2022

 Fuuuuck ist das lange her, seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Vielleicht weil sich nicht wirklich was geändert hat. Ich leide immer noch darunter, meine Freunde selten bis gar nicht zu sehen und die Arbeit kotzt mich weiter an. Ich habe weiterhin regelmäßig Suizidgedanken und hab keine Ahnung, wie ich aus dieser Scheiße wieder rauskommen soll. Toll, jetzt sind wir alle wieder up to date. Deshalb erzähle ich euch heute mal etwas über die Dinge, die mein Leben in den letzten Monaten doch mal abwechslungsreich gemacht haben. Da hätten wir zum einen das Schützenfest bei mir im Dorf. Ich hatte eigentlich nie groß was damit am Hut, aber mein Freund ist in der Bruderschaft ja sehr aktiv. Bisher war ich mit ihm ja immer nur auf auswärtigen Schützenfeste, aber im August war dann unser eigenes. Ich durfte mir schöne Kleider kaufen mit passenden Highheels dazu kaufen und habe mal ein paar Leute aus dem Dorf und aus Alex Familie besser kennengelernt. Erst eine Woche Vorbereitungen treffen und dann 4 Tage lang feiern. Schick machen, tanzen und viel Spaß. Einen Abend waren sogar 2 Freundinnen aus der Krankenpflegeschule da und an einem anderen Tag war mein Vater mit dabei. Ich habe mich sogar gut mit Alex Bruder verstanden, wir haben zusammen getrunken, getanzt und als er volltrunken von seiner Frau sitzen gelassen wurde hab ich ihn nach hause gebracht, mein Vater hat geholfen. Was für eine ungewöhnliche Situation. 

Nach dem Schützenfest sind Alex und ich ein paar Tage in den Urlaub gefahren. Eigentlich wollten wir ein paar Tage nach Mallorca fliegen, aber weil an den Flughäfen alles so drunter und drüber ging haben wir uns stattdessen dafür entschieden, mit dem Auto in den Harz zu fahren. Dort waren wir wandern und schön essen und haben ein Wildkatzengehege besucht. Ich war im Harzdrenalin, dort gab es eine Hängebrücke über dem Tal, von da aus konnte man gesichert runter springen und sich dann da durch das Tal schwingen lassen, das war total cool. Dann gab es da noch einen Aussichtsturm, in dem mal wie in einem Freefalltower hochgezogen und runtergefahren ist, nur halt immer nur eine Person. Die Wände waren fast alle durchsichtig, sodass man eine echt wundervolle Aussicht hatte. Das hat ja so viel Spaß gemacht, eine tolle Erfahrung auf jeden Fall. 

Dann war ich Ende September auf einem Ehemaligentreffen meiner alten Schule, auf der ich Abitur gemacht habe. Es war wunderschön aber auch traurig zugleich. Ich hab es genossen ein paar Leute von früher wiederzusehen und mich mit ihnen zu unterhalten. Eine gute Freundin aus meiner alten Klasse war da (Hannah, für die die sie noch kennen). Wir haben uns ausgetauscht darüber was seit der Schulzeit so passiert ist. Wie zu den meisten Freunden von früher hatte ich auch zu ihr seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sie hat mir auch erzählt, warum wir uns aus den Augen verloren haben. Weil es sie fertig gemacht hat mir dabei zuzusehen, wie ich mich selbst zerstöre. Im ersten Moment klang das schlimm für mich, weil es sich angefühlt hat, als hätte sie mich im Stich gelassen. Aber nachdem ich den ersten Schock darüber überwunden hatte muss ich sagen, ich kann das verstehen. Ich war damals im unaufhaltsamen Sturzflug, Hannah hätte nichts dagegen tun können, deshalb bin ich froh, dass sie auf sich aufgepasst hat.

Auf dem Ehemaligentreffen habe ich auch noch einen anderen Klassenkameraden von mir wiedergetroffen, er hatte damals auch ein Physikstudium begonnen und ist ähnlich wie ich abgekackt. Wir haben uns immer gut verstanden, hatten aber nie eine tiefere Beziehung zueinander. Dann war natürlich auch mein Exfreund Sven da und das war wirklich merkwürdig. Ich weiß, dass das alles meine Schuld war, was zwischen uns passiert ist und dass ich diejednige war, die es nicht geschafft hat auch nach unserer Trennung den Kontakt zu halten. Trotzdem war es merkwürdig. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen, er hat mich mit einem freundschaftlichem Händedruck begrüßt und war in Begleitung (seine neue Freundin vielleicht, aber keine Ahnung, wir wurden einander nicht vorgestellt). Ansonsten waren zwar noch ein paar Leute aus meiner alten Stufe da, aber niemand mit dem ich mich unterhalten habe, weil das alles Leute waren, mit denen ich auch damals nichts am Hut hatte. Aber mit ein paar Lehrern habe ich noch gesprochen. Meine alte Deutsch- und Lateinlehrerin hat mich wiedererkannt und wir haben uns nett unterhalten. Und natürlich mein alter Biolehrer, der mit dem ich damals zum ersten Mal laut über den sexuellen Missbrauch gesprochen habe. Es hat mich sehr gefreut, dass er da war, ich hatte ihn in der Schule wirklich gerne und er hat mir sehr geholfen. Ich habe nie versucht, den Kontakt zu halten oder wieder aufzubauen, weil ich dachte, ich hätte den armen Mann genug belästigt. Umso mehr hat es mich gefreut, an dem Abend ein paar Bierchen mit ihm zu trinken und in Erinnerungen zu schwelgen. 

Dieser Abend hat mir noch einige Wochen zugesetzt. Sobald ich das Schulgelände betreten hatte, habe ich mich gefühlt wie damals mit 16, 17 Jahren. Ich hatte sofort das Bedürfnis mich zu betrinken und mich auf der Schultoilette zu ritzen. Mich betrunken habe ich an dem Abend auch, geritzt nicht. Stattdessen habe ich mir nen Notfalljoint auf dem Schulhof geraucht. Es war wunderschön und schrecklich zugleich. Es hat sich toll angefühlt, wieder bekannte Gesichter um mich zu haben, Leute die ich schon so lange kenne. Aber ich konnte eben auch die Abwärtsspirale spüren, in der ich damals war und die mich beinahe umgebracht hätte. Ich habe in den Tagen und Wochen danach an nichts anderes gedacht als an dieses Ehemaligentreffen und an meine Schulzeit. Daran, dass ich mich sowohl an der Gesamtschule und an der Krankenpflegeschule wegen der Menschen, die ich dort kannte so wohl gefühlt habe, und auch wenn es mir oft nicht gut ging, ich hatte in beiden Fällen Angst davor, dass diese Zeit enden würde, weil ich die Menschen, die ich dort um mich herum hatte nicht verlieren wollte. Und während ich so darüber nachgedacht habe ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass genau das passiert ist. Mit den Leuten, die mir die Welt bedeutet haben, habe ich nach dem Abitur immer weniger Kontakt gehabt. Am Anfang hat man sich noch häufig gesehen und geschrieben, doch mit der Zeit ist es immer weniger geworden. Vielleicht hatte ich deshalb an der Krankenpflegeschule immer die Angst davor, dass die Schulzeit dort vorbei ist. Und ich hatte recht, denn genau das passiert. 2 Freundinnen aus der Ausbildung habe ich noch ein paar Mal gesehen, zum Rest habe ich so gut wie keinen Kontakt mehr. Mit Richard schreibe ich noch, aber wir haben es nicht einmal hinbekommen uns zu sehen, was mich unglaublich traurig macht. Das mit ihm war für mich eine ganz besondere Freundschaft, die Leute um uns herum haben uns für Seelenverwandte oder sowas gehalten...wenn sie nicht gerade dachten wir wären ein Pärchen :D . Und jetzt weiß ich nicht, ob das überhaupt noch eine Freundschaft ist, ich traue mich gar nicht danach zu fragen, weil ich nicht nerven will und weil ich Angst habe, dass er mir dann die Bestätigung gibt, dass er eigentlich nichts mehr mit mir zu tun haben will. Dann lieber ein bisschen Kontakt als gar keiner. Ich weiß, das ist für keinen von uns fair, aber nachdem ich mir die letzten Wochen vor Augen geführt habe, was ich in den letzten Jahren alles verloren habe glaube ich nicht, dass ich gerade einen weiteren Verlust verkraften könnte. 

Tja, was sonst noch? Ich habe mir ein neues Tattoo stechen lassen, eine Spieralgalaxie auf meinem linken Schulterblatt. Ich habe mich kurz nach dem Ehemaligentreffen mit Sophie getroffen und ihren Freund kennengelernt, wir hatten einen sehr schönen Abend zusammen. Sophies Leben fasziniert mich irgendwie. Während ich immer das Gefühl habe in einem Alltagstrott aus Eintönigkeit festzustecken scheint ihr Leben immer so abwechslungsreich und aufregend. Ich liebe es, ihr einfach nur zuzuhören, sie hat immer etwas spannendes zu erzählen. Aber auch wenn ich ihren Lebensstil irgendwie bewundere glaube ich nicht, dass ich das könnte. Ich war noch nie ein spontaner Mensch und brauche für meine geistige Gesundheit ein Mindestmaß an Struktur, was wahrscheinlich ziemlich hoch ist im Vergleich zu anderen :D

Aber damit ich mal etwas Abwechslung bekomme, habe ich für das erste Dezemberwochenende die Teilnahme an einem Meditationsretreat gebucht. Ich bin sehr gespannt darauf. Ich hoffe, dort die Auszeit zu finden die ich brauche, um herauszufinden was ich sonst noch brauche, um Frieden mit mir selbst zu schließen. Klingt das plausibel? Ich glaube nicht. Aber ich werde dann von meinen Erkenntnissen berichten, vielleicht macht das die Sache etwas klarer. Bis dahin passt gut auf euch auf. Bis dann meine Lieben!

Samstag, 28. Mai 2022

Hey meine Lieben. Fuck, es sind schon wieder 2 Monate, die ich mich nicht gemeldet habe. Zugegeben hätte ich genug Zeit dafür gehabt, ich konnte mich einfach nur zu nichts aufraffen. Meine Gefühlslage hat sich in den letzten 2 Monaten auch nicht wirklich verändert. Ich dachte, ich müsste mir selbst einfach nur ein wenig Zeit geben, meinen neuen Rhythmus zu finden. Aber irgendwie verändert sich nicht. Im Gegenteil, es wird alles immer unerträglicher. Nicht, weil irgendwas passiert ist. Sondern eher, weil gar nichts mehr passiert. Ich arbeite, versuche zu schlafen, fühle mich mies und das wars. Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit 2 Monaten arbeite ich jetzt als Nachtwache auf einer Alkoholentzugsstation. Die Arbeit ist auch okay, nicht jeder aus dem Team zählt zu meinen Lieblingsmenschen aber ich kann mich eigentlich ganz gut anpassen. Nachts zu arbeiten ist eigentlich auch ganz gut und auch wenn ich meistens wenig Motivation habe zur Arbeit zu fahren, geht es mir dort meistens einigermaßen gut. Zumindest im Vergleich zu sonst. Denn da kann ich mich mit den Problemen von anderen Menschen befassen und muss nicht ständig an meine eigenen denken. Denn es ist eigentlich alles nur noch zum heulen. 

Ich kann mich zu gar nichts mehr aufraffen und hab auch eigentlich gar keinen Bock mehr. Keinen Bock mehr auf alles, am liebsten würde ich Schluss machen. Mit dem Leben. Ich sage mir jeden Tag, dass ich so lange durchgehalten habe und in den letzten Jahren so viele Gründe gefunden habe, für die es sich lohnt weiterzuleben. Aber trotzdem frage ich mich jeden Tag, ob es jemals wieder besser wird. Insgeheim kenne ich die Antwort. Denn ja, es wird immer wieder besser. Egal wie tief unten ich in meinem Leben schon war, es ist immer wieder besser geworden. Und das wird es dieses Mal auch. Ich muss dem ganzen nur eine Chance geben. Und wenn ich ganz ehrlich bin, gibt es auch hin und wieder einen besseren Tag oder zumindest ein paar gute Stunden. Denn hey, immerhin war ich letztes Wochenende mit meinem Freund und einer Freundin auf dem Japantag. Habe mich die Woche auch mit 2 Freundinnen zum frühstücken getroffen und letzten Monat war ich immerhin einmal mit einer Freundin spazieren. 3 Tage in den letzten 2 Monaten, in denen ich Freunde getroffen habe. Das ist doch gut, dafür, dass ich in einer schlechten Phase stecke, oder? Ist besser als nichts. Und immerhin schreibe ich auch mit ein paar Leuten. Manchmal brauche ich ein bisschen, bis ich es schaffe zu antworten und ich schaffe es nicht immer auszudrücken, was ich wirklich sagen will. Aber ich versuche dran zu bleiben. Außerdem will ich ja auch nicht jeden Tag nur rumjammern. Denn ich habe manchmal das Gefühl nichts anderes mehr zu tun. 

Ich mache ja mit einem Freund jeden Abend ein Memotagebuch, habe ich mal erwähnt denke ich. Und seit meinem letzten Post erzähle ich ihm jeden Abend bzw. jeden Morgen das gleiche. Das klingt etwa so: "Ich bin um 15 Uhr aufgestanden, war duschen, bin ne Runde spazieren gegangen, habe was zu essen gekocht, gegessen, Serie geschaut und bin zur Arbeit gefahren. Arbeit war okay und jetzt gehe ich schlafen." Wie gesagt, und täglich grüßt das Murmeltier. Manchmal gibt es ganz krasse Abweichungen und ich war joggen anstatt spazieren, oder habe Döner geholt anstatt zu kochen. Wahnsinn. Mein Leben ist so abwechslungsreich. Aber selbst wenn ich mal Bock hätte was zu machen, es ergibt sich einfach nie irgendwas. Ist halt kompliziert, wenn fast alle sozialen Kontakte auch im Schichtdienst arbeiten. Entweder man arbeitet an entgegengesetztes Wochenenden oder hat unterschiedliche Tage unter der Woche frei oder arbeitet in Schichten die sich so krass überschneiden, dass es einfach super selten klappt überhaupt mal einen Termin zu finden. Alles ziemlich kompliziert. Arbeitsleben kotzt ziemlich an. Wie kriegen andere Leute das hin? Wenn ich ehrlich bin, würde mein Memotagebuch eher jeden Tag so aussehen: "Ich bin um 12 Uhr aus einem scheiß Traum wach geworden und habe noch 3 Stunden im Bett gelegen und versucht auf mein Leben klar zu kommen (wahlweise vielleicht auch mal "bin nach einem wundervollen Traum wach geworden und habe danach einen Nervenzusammenbruch geschoben, weil es mich so traurig gemacht hat, in dieser beschissenen Realität wach geworden zu sein"). Um 15 Uhr bin ich dann mal wie ein Zombie auf die Couch gewandert und habe Ewigkeiten die Wand angestarrt und mich gefragt, ob ich mich jetzt umbringe oder dem Tag noch eine Chance gebe. Als ich gemerkt habe, in welche Richtung meine Gedanken wandern, bin ich schockiert aufgestanden und habe mich unter die kalte Dusche gestellt, um wieder klar denken zu können. Damit ich keine Scheiße baue bin ich bis zum Abend durch den Wald gelaufen, weil ich wusste wenn ich jetzt die Kontrolle verliere und mein Messer nehme, wird das der letzte Schnitt in diesem Leben gewesen sein. Weil ich es damit beendet hätte. Als ich das Gefühl hatte weit genug von mir selber weggelaufen zu sein, bin ich schweren Herzens wieder nach Hause gegangen um irgendwie mein Leben wieder aufzunehmen, denn auch wenn ich denke, dass ich mich an liebsten umbringen würde, ich ziehs ja doch nie durch, also muss es weiter gehen. Kochen. Essen. Staubsaugen. Wäsche machen. Was halt so ansteht. Dann liege ich noch ein Weilchen auf der Couch und denke nur daran, dass ich jetzt unmöglich zur Arbeit fahren kann. Wie zur Hölle sollte ich mich auch darauf konzentrieren? Tatsächlich ist die Arbeit aber gerade das, was mich am besten von meinen dunklen Gedanken ablenkt. Auch wenn es scheiße anstrengend ist, dort täglich die Maske aufzusetzen und mit Menschen zu reden. Aber alles in allem war die Schicht doch okay. Zuhause habe ich dann noch einen Schlaftee getrunken und bin gleich ins Bett gehuscht, weil ich scheiße müde bin. Ich hoffe, ich kann heute mal besser schlafen." Aber das ist ein bisschen lang, um es jeden Tag aufzunehmen, also doch die Kurzversion von oben. Und wie gesagt, ich will nicht, dass das einzige was ich mache jammern ist. Auch wenn es das letztendlich doch ist. 

Dieser Blog feiert morgen sein 10 jähriges Jubiläum. Unglaublich, oder? Ich war 15 bei meinem ersten Eintrag. Und auch damals habe ich kaum etwas anderes gemacht, als zu jammern. Gut, damals war ich mitten in der Pubertät, hatte vor einem Jahr erst meine Mutter verloren und eigentlich nur noch für andere Leute gelebt. Man sollte doch meinen, dass ich in 10 Jahren mal was dazu gelernt hätte. Na gut, ganz so hart darf ich zu mir selbst auch nicht sein, es ist nicht so, dass ich mich in der ganzen Zeit nicht entwickelt hätte. Es kommt nur immer wieder neue Scheiße dazu. Aber hey, bisher habe ich alles überstanden. Nicht immer unbeschadet, aber ich bin noch hier, trotz allem. Da wäre es doch gelacht, wenn ich es jetzt nicht auch schaffen würde diese Zeit zu überstehen. Man denkt vor jedem neuen Berg Scheiße "so schlimm war es noch nie" und dann hat man ihn irgendwann doch überwunden. Manchmal fragt man sich sogar, wieso man deswegen so einen Aufstand gemacht hat. Ich bin mir sicher dieser Tag wird auch für mich irgendwann wieder kommen. Nur halt nicht unbedingt morgen oder nächste Woche. Es ist immer schwer, sich an neue Situationen zu gewöhnen. Gerade weil ich eigentlich ein Mensch bin, der gerne eine konstante Struktur hat. Gut konstant ist gerade alles, wie ich ich ja eben geschildert habe, nur eben konstant scheiße, das ist auf Dauer natürlich nicht akzeptabel. Aber es wird wieder besser werden. Das muss es einfach. Wozu hätte ich mich denn sonst bis hierhin durchgekämpft? Bestimmt nicht, um mich jetzt von einer neuen Arbeitssituation killen zu lassen. Ich habe schon viel schlimmeres hinter mir. Das muss ich mir immer wieder vor Augen halten. Ich habe nicht all den Scheißdreck der letzten 25 Jahre überlebt, um jetzt am Job zu scheitern. Ihr müsst nur noch ein bisschen Geduld mit mir haben, dann kriege ich das auch wieder hin. Und vor allem muss ich Geduld mit mir selber haben und darf nicht aufgeben. Ja, das fällt mir schwer und ja, ich bin mal wieder an dem Punkt wo ich denke "es war noch nie so schlimm wie jetzt" aber das ist Bullshit. Es war in meinem Leben schon so viel schlimmer. Also Augen zu und durch, es wird weitergehen. Es MUSS weitergehen. 

In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute, ich hoffe, mein nächster Post lässt nicht so lange auf sich warten. Machts gut!

Dienstag, 29. März 2022

 So Leute, das wichtigste zuerst, ich habe alle Prüfungen bestanden! Unser ganzer Kurs hat bestanden, das ist echt super. Wir haben uns alle so gefreut! Das wollte ich direkt mal los werden, bevor ich genauer erörtere, was im letzten Monat so passiert ist, das ist nämlich schon wieder echt scheiße viel. Also legen wir los. 

Ich habe mich unfassbar gefreut, als wir nach den schriftlichen Prüfungen wieder in die Schule durften. Es waren zwar alle super gestresst und es gab den ein oder anderen Zoff untereinander, aber trotzdem war ich froh, dass wir uns noch ein paar Wochen sehen und uns gegenseitig auf die Nerven gehen konnten. Liebevoll gemeint, natürlich. Denn uns ist von Tag zu Tag bewusster geworden, wie begrenzt unsere Zeit miteinander in diesem Klassenzimmer ist. Dass sich bald alles ändern wird, wir wahrscheinlich in dieser Runde nach dem Examen nie wieder so zusammensitzen werden. Kein gemeinsames Lachen mehr im Unterricht über irgendeinen Kommentar, nicht mehr mit allen zusammen in der Pause vor der Schule stehen und rauchen. Keine Pläne mehr für die nächste Party schmieden, nicht mehr mitbekommen, was bei wem gerade so abgeht. Die Endlichkeit dieser guten Sache, die ich in dieser Klasse gefunden habe ist mir unglaublich schmerzlich bewusst geworden und so habe ich versucht, jeden Moment, den ich noch in der Schule verbringen konnte zu genießen. Es war ein schmaler Grad für mich zwischen glücklich und totunglücklich. 

Wir haben noch eine kleine Mottowoche gemacht, bei der leider nicht alle mitgemacht haben, aber es gab trotzdem gute Kostüme zu sehen. Wir haben einen Pyjama Tag gemacht, Geschlechtertausch, Casino Royale und einen 80er/90er Tag. Ich bin eigentlich nicht so der Mensch, der sich gerne verkleidet, ich laufe gerne in genau den Sachen rum, in denen ich mich wohlfühle. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht so in die Schule zu gehen. Zumal ansonsten mal wieder die ganze Zeit nur aus lernen bestand. Wir sind mit einer kleinen Lerngruppe oft nach der Schule noch ein paar Stunden da geblieben, bis die Lehrer uns rausgeschmissen haben und haben zusammen den Stoff wiederholt. 

Und dann kam der Schock für mich: 10 Tage vor meiner mündlichen Prüfung hatte Alex einen positiven Coronatest. Meine Welt ist natürlich untergegangen, ihr kennt mich ja. Wie reagieren ich und meine 20 Persönlichkeiten auf so eine Nachricht? Tja, erstmal bleiben wir 2 Stunden apathisch auf dem Boden sitzen und sind gar nicht ansprechbar, aber im Kopf läuft ein ganz guter Film, der uns zeigt, wie schlimm es kommen wird. Alex wird es richtig dreckig gehen, bestimmt muss er sogar ins Krankenhaus. Vielleicht stirbt er auch. Du bist ab sofort komplett auf dich alleine gestellt, musst dich um alles selber und alleine kümmern, was außerhalb des Hauses stattfindet. Dabei bräuchtest du doch deine ganze Energie fürs Lernen. Das kannst du jetzt natürlich knicken. Wahrscheinlich steckst du dich eh an, aus der Quarantäne kommst du dann nicht mehr rechtzeitig raus. Du verpasst deine Prüfung und musst deine Ausbildung verlängern, wieder ganz alleine, deine Freunde sind dann nicht mehr da. Du kannst dich nicht mal auf der Abschlussfeier von ihnen verabschieden, Es ist alles so sinnlos, am besten bringst du dich direkt um. So ungefähr ging der Film. Als ich mich endlich vom Boden erhoben habe, hat eine andere Persönlichkeit das Steuer an sich gerissen und nur noch rumgewettert, dass wir uns jetzt sofort umbringen werden, weil das alles nicht auszuhalten ist. Die nächste Persönlichkeit versucht tatsächlich die Haltung zu bewahren und gegen die verdammten Tränen ankämpfen. Tief in mir drinnen gibt es auch Teile, denen klar war, wie unglaublich überzogen und dämlich meine Reaktion war, aber sie hatten keine Chance gegen die impulsiveren Anteile. Zum Abschluss hat sich dann noch jemand zu Wort gemeldet, der versucht hat, den Ernst aus der Situation zu nehmen und meinte "Ich hab mich noch nie angesteckt, obwohl es dafür viele Gelegenheiten gab, ich stecke mich auch jetzt nicht an, bin ja offensichtlich eh immun.". Tja, und was soll ich euch sagen? Er hatte recht. Ich habe mich wirklich nicht angesteckt. Eigentlich unglaublich. Mir ging 10 Tage lang der Arsch auf Grundeis, aber ich bin negativ geblieben. Alex konnte sich nach 7 Tagen freitesten, außer 3 Tage leichten Schnupfen hatte er tatsächlich auch nichts, wofür ich ausgesprochen dankbar bin. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass ich nachher noch andere Leute anstecken könnte, sodass ich allen aus dem Weg gegangen bin. Immer schön Abstand halten und Maske tragen. Ich hab mich so einsam gefühlt. Trotzdem habe ich nicht zugelassen, dass irgendwer mich zum Trost in den Arm nimmt oder so. 

Am Samstag vor der mündlichen Prüfung haben wir uns mit unserer Lerngruppe bei einer Freundin zuhause getroffen, wollten erst lernen und dann zusammen was trinken, um auch mal was angenehmes zu machen. Ich hatte mich riesig auf diesen Abend gefreut, ich brauchte das so sehr mal wieder raus zu kommen und Spaß zu haben. Ich habe mich sogar bereit erklärt dort zu schlafen, weil Alex durfte mich ja nicht abholen. Während des Lernens ist die Stimmung immer schlechter geworden, wir wurden mit fortschreitender Uhrzeit immer unkonzentrierter, entsprechend waren auch die Antworten immer weniger zufriedenstellend, was die Stimmung weiter runtergezogen hat. Weil ich mich nicht deprimieren lassen wollte, habe ich mir irgendwann den ersten Joint geraucht. Und war dann doch traurig, weil keiner mitgemacht hat. Versteht mich nicht falsch, ich will niemandem irgendwas aufzwingen, ich war nur pissig, weil man mir vorher auch einfach hätte sagen können, dass keiner Bock hat, dann hätte ich mich nur auf lernen eingestellt und dann halt wieder gefahren. So aber habe ich den ganzen Tag über dem Abend entgegengefiebert, der sich dann als ziemliche Enttäuschung rausgestellt hatte. Niemand hat mehr als ein Bier getrunken, Naja, außer mir, aber alleine trinken macht halt ziemlich traurig. So haben sich dann 2 Leute verabschiedet und sind nach hause gefahren, die Gastgeberin hat sich irgendwann auch ins Bett verpisst und ich saß dann da mit einer Mitschülerin, wir haben noch ein wenig ferngesehen und sind dann auch um 1 oder so schlafen gegangen. Wobei man von schlafen nicht wirklich reden konnte. Ich hab eigentlich die ganze Nacht heulend auf der Couch gelegen, versucht dabei keinen Ton von mir zu geben und mir schon wieder gewünscht, dass ich tot wäre. Von dieser Laune konnte ich mich auch in den Tagen danach nicht mehr lossagen. Der Gedanke kam immer wieder, nur weinen konnte ich nicht mehr. 

Einen Lichtblick in meiner Stimmung gab es letzten Montag, da bin ich mit zwei Freundinnen Kleider shoppen gewesen für die Abschlussfeier. Ich wollte unbedingt ein neues Kleid haben, so sind wir durch viele Läden und ich habe Unmengen an Kleidern anprobiert. Entschieden habe ich mich für ein helles Cocktailkleid, das glitzert wie eine Diskokugel. Ich glaube die Grundfarbe ist lila, im Licht sieht es aber auch mal blau oder rot aus. Das war für den offiziellen Teil. Für unsere private Feier habe ich mir ein kurzes schwarzes Kleid gekauft, ebenfalls mit viel Glitzer, mit tiefem V-Ausschnitt hinten und vorne. Kleider waren also schonmal gekauft, musste nur noch die Prüfung bestanden werden. Meine Prüfung hatte ich dann am Mittwoch Nachmittag, als letzte aus meinem Kurs. Ich hatte also noch viel Zeit um zu lernen, aber auch, um mich verrückt zu machen. Ich bin 2 Stunden vor meiner Prüfung schon in der Schule gewesen, weil ich es zuhause nicht mehr ausgehalten habe. Zum Glück waren auch andere aus meinem Kurs da, die entweder auch noch warteten oder ihre Prüfung schon hinter sich hatten. Dann ging es um kurz nach 15 Uhr los. Ich hatte gute Themen, bei denen ich mich sicher war, gezogen und konnte viel dazu sagen. Um 16 Uhr ging dann die Notenbekanntgabe los. Jeder musste zum Einzelgespräch und hat alle Noten der Prüfungen erhalten. Die erste kam raus. Daumen hoch, bestanden. Wir jubeln und applaudieren. Die nächste kommt raus, bestanden, gleiches Spiel nochmal. So ging es immer weiter. Ich war die letzte die rein musste. Praktisch und Mündlich 1, Schriftliche 2, bestanden. Ich komme raus, alle jubeln und jetzt ist es offiziell: Wir haben es alle gepackt. Alle 20 Leute haben bestanden. Das gab es schon ewig nicht mehr. Plötzlich hatten sich die letzten Monate gelohnt, denn sie haben uns hierher geführt, in diesen glücklichen Moment. Mein Kurskumpel kommt zu mir, die erste Umarmung seit 10 Tagen. Er wirbelt mich durch die Luft und sagt immer wieder in mein Ohr "Wir haben es geschafft". Ich wiederhole seine Worte, weil ich nichts anderes sagen kann. Fühle unser beider Erleichterung, auch wenn wir die Bedeutung dieser Worte noch gar nicht richtig fassen konnten. 

Am nächsten Tag fand dann die offizielle Verabschiedung statt mit dem Klinikvorstand, den Lehrern, dem Kurs und einem Angehörigen den man mitbringen durfte. Ich war froh, dass Alex dabei sein konnte, wo es für mich doch vor zwei Wochen noch so undenkbar gewesen ist, überhaupt an diesem Tag teilhaben zu dürfen. In den Reden der Leute gab es dann die letzten 3 Jahre einmal im Schnelldurchlauf. Wir haben viele Fotos gemacht und uns alle zusammen gefreut. Es wurde ausgetauscht, wie der Weg für jeden von uns nun weitergeht. Ich habe den Stich des Abschiedes in meinem Herzen gespürt, ihn aber so gut ich konnte ignoriert. Schließlich gab es am nächsten Tag noch unsere private Abschiedsfeier. Und die war der Hammer. Es waren leider nicht alle da, aber viele und unser Klassenlehrer ist auch noch gekommen. Wir haben uns mit ein paar Leuten zum vorglühen getroffen und waren schon gut angeheitert, als wir in der Kneipe ankamen. Wir haben viel geredet und gelacht, es gab Deeptalk und Fotos und sehr viele Umarmungen. Mein Kurskumpel ist den ganzen Abend über kaum von meiner Seite gewichen, wir haben super viel geredet und ich war froh, mich hin und wieder an ihm festklammern zu können. Nicht, weil ich so betrunken war, sondern vielmehr als stummes Versprechen, dass das nicht das Ende unserer Freundschaft ist. Denn das würde ich nicht überleben. Nicht bei ihm. Denn das ist so viel mehr für mich, als eine normale Freundschaft. Er versteht mich, so viel besser als andere Menschen. Und ich vertraue ihm, so viel bedingungsloser als anderen Menschen. Ihn zu verlieren, nachdem wir diese Freundschaft in den letzten 3 Jahren so behutsam aufgebaut haben, das würde ich nicht verkraften. 

Das war am Freitag. Ich war so glücklich und dennoch innerlich so zerrissen dabei, denn obwohl ich so glücklich darüber war, dass wir alle unser Examen geschafft haben, hat es mir das Herz gebrochen, mich von all diesen wundervollen Menschen zu verabschieden. Die letzten 3 Jahre waren oft genug die Hölle. Für viele von uns. Diese ganzen Höhen und Tiefen zusammen durchzustehen hat uns einander näher gebracht, wir sind daran gewachsen, alle zusammen. 20 Persönlichkeiten, wie sie verschiedener nicht hätten sein können und die ganz bestimmt nicht immer einer Meinung waren. Aber wenn es hart auf hart kam, konnten wir uns immer aufeinander verlassen. Und das wird mir so fehlen. Am Anfang habe ich diese Ausbildung wirklich gehasst, habe mich selbst für diese Entscheidung gehasst. War so oft kurz davor, alles hinzuschmeißen, weil es in den letzten 3 Jahren zu viele Tiefpunkte in meinem Leben gab: Die Überforderung mit dem Schichtdienst klar zu kommen, neue Therapie angefangen, neue Diagnose auf meiner Liste hinzugefügt, in der Hypnotherapie endlich Klarheit darüber bekommen was genau mir als Kind passiert ist, die Aufarbeitung dessen, dissoziative Blackouts, getrunken, gekifft, geritzt, Rückfälle, Isolation, Verzweiflung, Suizidgedanken immer wieder. Was mich davon abgehalten hat, dem einfach nachzugeben war vielleicht die Hoffnung, die ich ihn diese Menschen gesetzt habe. Leute, die mich nicht aufgegeben haben, obwohl ich sie immer wieder weggestoßen habe. Die mir gezeigt haben, dass ist gut so bin wie ich bin. Die mir Stück für Stück beigebracht haben, wieder zu vertrauen. Ich bin so dankbar dafür, denn sie haben mir damit so viel Halt gegeben. Und deshalb sind die Tage seit der Verabschiedung die Hölle für mich. Mir war nicht klar, dass ich Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit in diesem Maße noch spüren kann. Wenn ich Emotionen so überflutend spüre, dann verschwinden sie meistens schnell wieder, weil ich wegen irgendwas Nichtigem total überreagiere. Diesmal nicht. Diesmal halten sie sich tapfer und begleiten mich jeden Moment des Tages und auch der Nacht. Immer. Und es fühlt sich mit jeder Minute die verstreicht unerträglicher an. Ich bin nicht gut darin Abschied zu nehmen, war ich noch nie. Weil ich nicht in Worte fassen kann, wie sehr es mich verfolgt. Scheißegal wie schwierig es in den letzten 3 Jahren war, ich habe an mir gearbeitet und hatte zumindest ansatzweise das Gefühl, meinen Platz in der Welt gefunden zu haben. Es ist leichter geworden zu leben. Doch jetzt heißt es Veränderung, denn ab Freitag sind wir keine Azubis mehr, sehen uns nicht mehr täglich und was die Zukunft für jeden von uns bringen wird ist ungewiss. Ich hasse Veränderungen, das Gefühl, dass man nicht mehr zurück kann, egal wie sehr man sich das wünscht. Jetzt heißt es sich mit neuen Leuten zu arrangieren, Verantwortung zu übernehmen und sich zurechtzufinden in dieser neuen Welt. Alles in mir sträubt sich dagegen, ich will nicht wahrhaben, dass dieser Moment wirklich gekommen ist. Eigentlich sollte ich mich darüber freuen, ich habe ein gutes Examen gemacht und meine Wunschstelle bekommen. Aber alles was ich empfinde ist tiefe Traurigkeit. Der Preis den ich zahle, er ist zu hoch. Ich bin noch nicht bereit, mich wieder aufzurappeln und einfach weiter zu machen. Denn in jeder Sekunde die vergeht bin ich totunglücklich, weil ich nur daran denken kann, was sich jetzt alles ändern wird. Und das ist gefährlich. Denn langsam komme ich zu der Erkenntnis, dass die Ungewissheit des Todes mich weniger abschreckt als die des Lebens. Verführerisch sich diesem Gedanken einfach hinzugeben. Doch auch das kann ich mir selber nicht gestatten. Denn jetzt zu sterben, ohne überhaupt versucht zu haben weiterzumachen, das fühlt sich wie Verrat an. An allem, was die letzten 3 Jahre für mich zu so etwas Besonderem gemacht hat. Und auch wenn vieles gerade so dermaßen unerträglich erscheint, kann ich genau deshalb nicht zulassen, dass die Dunkelheit mich fort trägt. Denn ich habe jetzt ein paar Gründe mehr zu kämpfen als vor 3 Jahren. 

Montag, 28. Februar 2022

 Hallo meine Lieben! So, die schriftlichen Prüfungen sind rum und ich dachte ich melde mich mal wieder. Ich kann nicht glauben, dass es erst 4 Wochen her ist, seit meines letzten Eintrages, es ist schon wieder so viel passiert in der kurzen Zeit. Ich würde sagen, wir hangeln uns chronologisch durch, wie immer. Also, als die Schule wieder los gegangen ist, hat ja eine Freundin aus dem Kurs ihren Geburtstag gefeiert. Es war ein sehr schöner Abend, ich habe das richtige Maß an Alkohol getrunken, dazu ein paar Joints geraucht, wir haben Trinkspiele gespielt, ganz viele Fotos gemacht, viel gequatscht und hatten einfach Spaß. Es ging mir wirklich gut. Am Montag danach kam dann der Schock: Mein Kurskumpel hatte einen positiven Coronatest. Ihr wisst wie sehr mein Kopf ausrastet, wenn es jemandem den ich gerne habe nicht gut geht, weil mein Unterbewusstsein immer vom worst case ausgeht. Es folgte ein positiver Test nach dem nächsten in meinem Kurs. Also wurden wir wieder in den Online Unterricht geschickt, damit zu den schriftlichen Prüfungen niemand mehr in Quarantäne ist. Seltsamerweise hab ich mich nicht mit Corona angesteckt, obwohl alle die auf der Party waren sich angesteckt haben. Mit drei Infizierten habe ich mir sogar noch Joints geteilt. Aber ich will mich nicht beschweren, ich war sowieso viel zu beschäftigt damit mir Sorgen zu machen. Und während ich also viel zu viel Zeit hatte während des Online Unterrichts in meinen Gedanken zu ertrinken bin ich auch noch in die Pflegedirektion der Klinik zitiert worden, weil ich mich tatsächlich noch auf die Nachtwachenstelle auf der Alkoholentzugsstation beworben hatte. Also musste ich mich vor der Leitung der anderen Abteilung rechtfertigen und mir wurde gesagt, dass ich mich entscheiden muss, auf welche Station ich will. Ich habe mich für die Nachtwachenstelle entschieden. Und bin bisher glücklich damit. Dann habe ich mich nachmittags oft noch mit ein paar Leuten im Onlinemeeting getroffen um zu lernen, da ja fast alle positiv waren konnten wir uns nicht persönlich treffen. Ein paar Tage vor den Prüfungen sind dann nach und nach alle wieder aus der Quarantäne gekommen. Ich hab mich dann noch ein paar Mal mit meinem Kurskumpel persönlich zum lernen getroffen, weil online lernen echt anstrengend und nervig ist. Und dann war es Dienstag, Mittwoch und Donnerstag Zeit für die schriftlichen Abschlussprüfungen. Ich hoffe so sehr, dass wir alle bestanden haben. Bei mir lief es ganz gut denke ich. Dauert jetzt aber noch nen Monat, bis wir die Ergebnisse haben. Habe jetzt noch heute und morgen frei und dann gehts Mittwoch wieder in die Schule und wir werden noch auf die mündliche Prüfung vorbereitet. Ich freue mich, wieder in die Schule zu dürfen, aber erstmal habe ich mich jetzt darüber gefreut mal ein paar Tage nichts zu tun. Am Freitag war ich mit Alex in Gladbach, wir waren shoppen und was essen, auch ein sehr erfolgreicher Tag also. 

Das war jetzt irgendwie gar nicht so viel zu schreiben wie ich erwartet hatte. Vielleicht kam mir das alles zwischen dem eintönigen lernen auch nur viel vor. Es hat sich auf jeden Fall nach viel angefühlt, die letzten Wochen waren super anstrengend für mich. Hab mich unter Druck gesetzt wegen der Prüfungen, hab mir Sorgen um meine Freunde gemacht wegen Corona, war aus eben diesem Grund auch 2 Wochen von meinem Sozialleben isoliert und mit der neuen Stelle war natürlich auch alles super aufregend. Ich hatte das Gefühl kein Privatleben mehr zu haben, was ja die letzten Wochen irgendwie auch so war, wodurch ich natürlich wieder Bedürfnisse nach ritzen, Alkohol und Gras hatte. Außer viel zu kiffen habe ich natürlich nichts davon gemacht und das Gefühl einfach ausgesessen. Übers Wochenende dann mal wieder meine Batterien aufgeladen und jetzt gehts mir schon wieder deutlich besser. Jetzt nochmal Endspurt bis zur mündlichen Prüfung in 3 Wochen und dann habe ich es geschafft. Dann wird es zwar auch wieder aufregend, mit einarbeiten auf der neuen Station und so. Aber darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist. Heute mache ich mir nochmal einen entspannten Tag, morgen fahre ich mal wieder zu meiner Therapeutin und Mittwoch freue ich mich sogar darauf wieder ganz normal zur Schule zu dürfen. Ich hoffe euch geht es gut, ich melde mich wieder wenn die letzte Prüfung geschafft ist. Passt gut auf euch auf und lasst es euch gut gehen. Bis dann!

Dienstag, 1. Februar 2022

 Frohes neues Jahr meine Lieben. Ist zwar schon etwas spät dafür, aber egal, ich hab es im Januar einfach nicht geschafft, mir die Zeit zu nehmen was zu schreiben. Silvester konnte ich noch ganz entspannt mit meinem Freund verbringen, aber danach ging es wieder los mit arbeiten. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mich auf meine praktische Prüfung vorzubereiten. Diese lief auch ganz gut schätze ich. Bekomme das Ergebnis erst Ende März, aber habe von meinem Lehrer die Andeutung bekommen, dass es gut war und auch von anderen Mitarbeitern in der Klinik im Vertrauen gesagt bekommen, dass ich gut abgeschnitten habe. Das darf ich natürlich offiziell nicht wissen. 

Dann war ich vor 3 Wochen ja probearbeiten. Das war okay, ich hatte gemischte Gefühle. Es waren alle sehr nett zu mir und mit den Krankheitsbildern werde ich denke ich auch kein Problem haben. Allerdings bekomme ich dort keine Dauernachtwachenstelle, was natürlich ziemlich doof ist für meine Pläne nach dem Examen. Wobei ich noch gar nicht so genau weiß, wie diese eigentlich aussehen. Also klar, ich will Psychologie studieren, damit ich nicht den Rest meines Lebens im Schichtdienst hänge. Ich weiß nur noch nicht ob ich das als Fernstudium mache oder doch an ner normalen Uni, wie lange ich dann an ner normalen Uni auf meine Zulassung warten müsste, wegen des NCs. Keine Ahnung, das überfordert mich. Ich habe trotzdem erstmal für die Station zugesagt, damit ich auf jeden Fall für den Anfang ne Stelle habe. Aber dann kam die nächste Verunsicherung. Ich habe die letzten 4 Dienste dieses Einsatzes auf einer anderen Station verbracht, weil die jemanden gesucht haben, der in der Nachtwache einspringt. Da sage ich natürlich nicht nein. Auf der Station war ich auch ganz am Anfang der Ausbildung schonmal, Alkoholentzugsstation. Damals hatte es mir eigentlich ganz gut da gefallen, bis es zu einer Auseinandersetzung mit der Pflegedienstleitung der Abteilung kam. Seitdem war für mich eigentlich klar, dass ich dort nie wieder hin wollte. Tja, und dann war ich letzte Woche wieder dort, nach fast 3 Jahren und habe 4 Nachtwachen gemacht. Und fand es super. Nachtdienst ist ja sowieso voll meins und ich kann einfach gut mit den Patienten und mit den meisten Leuten aus dem Team komme ich auch gut klar. Die die ich nicht mochte sind inzwischen in Rente, meine Lieblingskollegin ist jetzt stellvertretende Leitung und meine ganzen Pläne sind ins Wanken geraten. Denn die Stellvertretende Leitung hat mir gesagt, dass sie eine neue Dauernachtwache suchen und ich mich auf jeden Fall bewerben soll, dass sie mich gerne im Team hätten. Ich bin so verunsichert was ich machen soll. Ich wollte nie wieder ein Wort mit der Abteilungsleiterin sprechen, nachdem die mich damals zu unrecht so fertig gemacht hat. Aber ich hätte so gerne eine Nachtwachenstelle. Zumindest denke ich das. Lieber die ganze Zeit Nachtdienst als immer die Schichtwechsel zu haben. Und tagsüber schlafen kann ich auch gut, fühle mich danach viel besser als nach dem Frühdienst. Allerdings hat der Kollege mit dem ich Nachtdienst hatte mir gesagt, dass die Nächte sonst deutlich stressiger sind. Es waren nur wenige Patienten auf Station, weil das Team im Moment so scheiße besetzt ist, deshalb musste ich ja auch einspringen, und deshalb kamen nachts auch keine Aufnahmen, was wohl sonst auch schonmal passiert. Ich weiß überhaupt nicht, was ich jetzt machen soll oder was genau ich eigentlich will. Ich versuche größtenteils nicht darüber nachzudenken, weil es mich sonst wahnsinnig macht, aber irgendwann muss ich mich damit auseinandersetzen, sonst ist es zu spät. Morgen fahre ich zu meiner Psychologin, ich hoffe, dass sie mir helfen kann mich zu sortieren. Meine Stunden dort sind leider auch fast aufgebraucht, das macht mich ebenfalls ziemlich nervös. Auch wenn ich es weiterhin geschafft habe schnittfrei zu bleiben, ich fühle mich alles andere als stabil. Ich kann alles was mich belastet meistens ganz gut verdrängen, aber das ist ja auch keine Dauerlösung. Und wenn ich es mir gestatte, doch darüber nachzudenken habe ich sofort das Gefühl, in eine Krise zu rutschen. Es gibt so viele Sachen, die ich vor mir her schiebe, weil ich es mir nicht zutraue, mich damit zu beschäftigen. Die Frage, ob ich doch lieber auf die Suchtstation möchte. Dann hätte ich schon vor einem Monat einen Termin beim Amt machen müssen, weil ich noch was für mein Examen brauche. Aber da man nur telefonisch einen Termin vereinbaren kann und ich panische Angst vor Telefonaten habe, schiebe ich das vor mir her. Wenn ich das aber nicht bald mache ist es zu spät, weil die Dokumente dann nicht mehr rechtzeitig beim Gesundheitsamt vorliegen. Mit der Fahrschule müsste ich auch dringend telefonieren, weil meine praktischen Fahrstunden fürs Motorrad immer noch ausstehen. Ich habe im Mai die Theorieprüfung bestanden, das heißt ich habe nur noch bis Mai Zeit, bevor ich auch die Theorie wiederholen müsste. Die waren aber immer so unfreundlich zu mir und sind mir nie entgegen gekommen, ich habe solche Angst vor den Leuten in der Fahrschule. Die haben kein Verständnis dafür, dass ich aufgrund des Blockunterrichtes immer erst spontan weiß, wann ich kann, weil ich keine geregelten Arbeitszeiten habe. Und immer wenn ich Zeit habe heißt es, dass die nächsten Termine erst in mehreren Wochen frei sind. Für die Zeit kenne ich dann aber meinen Dienstplan nicht und wenn ich ihn dann habe sind die Termine auch schon alle weg und so hat sich das seit Mai durch ganz 2021 gezogen. Im November habe ich dann aufgegeben und mich einfach nicht mehr gemeldet, weil ich mich von denen total verarscht fühle. Wie schaffen andere Leute es nur, sich um all diese Angelegenheiten zu kümmern. Bewerbungsgespräche, Amt, Fahrschule. Das ist mir alles zu viel. Obwohl ich inzwischen schon seit 7 Jahren volljährig bin habe ich das Gefühl, einfach in das Erwachsenenleben reingeworfen geworden zu sein, niemand hat mir erklärt wie das funktioniert. Meine Mutter war schon 4 Jahre tot als ich volljährig geworden bin und mein Vater zu beschäftigt damit Alkoholiker zu sein. Meine Patentante kann mir nicht mehr in die Augen sehen, seit meine Mutter, ihre Schwester, gestorben ist und mein Patenonkel hat ab dem Tag an dem ich 18 geworden bin den Kontakt auch ziemlich einschlafen lassen, Wenn es hoch kommt haben wir uns in den letzten 7 Jahren 3x gesehen. Und jetzt stehe ich hier und fühle mich immer noch wie ein kleines Kind, um das sich niemand kümmert, obwohl es doch so dringend Hilfe braucht. Stattdessen bekomme ich immer noch Panikattacken bei jedem Termin, den ich telefonisch vereinbaren muss, breche jedes Mal in Tränen aus, wenn ein anderer Erwachsener nicht nett zu mir ist und habe dauerhaft das Gefühl, dass das alles gar nicht ich bin. Dass ich nur so tue als wäre ich erwachsen und hätte mein Leben im Griff. Und bei jedem Kontakt zu einem anderen Menschen nur darauf warte enttarnt zu werden. Auf der Arbeit. Beim Arzt. Bei den Schwiegereltern. Im Supermarkt. Überall fühle ich mich so, als würde ich nur eine Rolle spielen. Warte nur darauf, dass es jemand bemerkt, irgendwann muss ich doch auffliegen, oder nicht? Diesen Moment, diese Gefahr, sie ist allgegenwärtig in meinem Kopf und hält mich in jeder Sekunde, die ich in der Gegenwart eines anderen Menschen verbringe zurück. Vor den meisten Menschen bin ich alles, aber nicht ich selbst. Vor manchen schon etwas mehr, aber niemals vollkommen. Denn ich verstehe diese ganze Welt nicht. Und es fühlt sich so an, als würde ich das auch niemals tun. Eher sterbe ich vorher. Denn eine Bedienungsanleitung fürs Leben werde ich wohl kaum bekommen. Also werde ich Tag für Tag damit weiterleben, mit der Angst dass jemand merkt, wie mich die Unsicherheit bei jedem Atemzug begleitet. 

Einer der Menschen, vor denen ich besser ich selbst sein kann, ist mein Kurskumpel. Er war gestern zu Besuch bei mir, wir haben den ganzen Nachmittag geredet und zwischendurch ein bisschen Quatsch gemacht. Das tat unglaublich gut. Ich versuche so gut ich kann, vor ihm ich selbst zu sein, ihm zu zeigen, wer ich wirklich bin. Und er ist noch da, das ist unglaublich. Wir kennen uns jetzt fast 3 Jahre und er hat es tatsächlich geschafft, dass ich ihm fast uneingeschränkt vertraue. Dieses "fast" klingt so grausam einschränkend, aber das ist, abgesehen von meinem Freund, mehr als jeder andere Mensch von mir bekommt. Ich lasse ihn wirklich oft an meinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Das fällt mir immer noch super schwer, aber es fühlt sich richtig an. Er kann mich sogar mittlerweile in den Arm nehmen, ohne dass ich erstmal zusammenzucke. Ich bin unendlich dankbar dafür, einen so guten Freund gefunden zu haben. Denn auch wenn meine Ausbildung das eben beschriebene Gefühl des fake seins noch tausend mal verschlimmert hat, nur Dank der Ausbildung konnte ich ihn kennenlernen. Und das war jedes negative Gefühl der letzten 3 Jahre wert. Denn ich war mir einer Freundschaft selten so sicher wie bei dieser. Das ist in all der Überforderung mit meinem Leben die ich gerade empfinde ein wirklicher Trost. 

Ab Donnerstag geht die Schule wieder los, ich freue mich natürlich darauf alle wieder zu sehen. Bis dahin habe ich noch frei und am Freitag feiert eine Freundin aus dem Kurs ihren Geburtstag nach, das wird mit Sicherheit auch ein schöner Abend. Ich werde versuchen mit dem Alkohol einen guten Mittelweg zu finden und Spaß zu haben. Denn ansonsten steht im Moment nur lernen an. In 3 Wochen habe ich schriftliche Abschlussprüfungen, 3 Klausuren, in denen alles abgefragt wird, was ich in den letzten 3 Jahren gelernt habe. Also denke ich mal, dass ich es vorher nicht mehr schaffe, mich zu melden. Also, drückt mir die Daumen! Wir hören uns danach wieder. Ich hoffe, euch geht es gut und ihr seid gut ins neue Jahr gekommen, habt einen schönen ersten Monat verbracht. Der Februar ist der Monat der Liebe, erinnert euch daran, dass das Selbstliebe mit einschließt. Also nutzt die Zeit und tut euch selber auch etwas gutes. Denn eines müsst ihr euch vor Augen halten: Selbstfürsorge ist nichts egoistisches.