Mama,
ich sitze hier gerade in einer fremden Wohnung. Vielleicht beobachtest du mich ja sogar gerade. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das wünschen soll oder nicht. Klar wünsche ich mir, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, denn dann würde ich irgendwann tatsächlich wieder bei dir sein und es gäbe nichts, was ich mir jemals mehr wünschen könnte, als meine Mama wiederzusehen, sie zu umarmen, mit ihr zu reden, jemanden aktiv mit der Bezeichnung "Mama" anzusprechen. Aber irgendwie hoffe ich auch, dass du nicht erleben musst, was aus deiner Tochter geworden ist. Ich sitze hier mittlerweile mit meinem Freund alleine in der Wohnung eines Kumpels von ihm und hänge bereits seid Stunden vorm Laptop und gucke mir dabei irgendwelche traurigen Sachen an. In meiner Tasche eine Packung Rasierklingen, damit ich im Notfall darauf zurückgreifen kann, weil ich mir seid Jahren nicht mehr anders zu helfen weiß. Mit heimlich beendeter Therapie. Noch leicht bekifft von dem Joint, den ich mir eben gegönnt habe. Tattowiert, gepierct und mit blau gefärben Haaren. Das ist aus deinem kleinen schüchternen Mädchen geworden. Mir fallen kaum Worte ein wenn ich versuche, sie direkt an dich zu richten. Ich muss meine Erinnerungen an dich teilweise mit Fotos auffrischen, ich weiß kaum noch, wie deine Stimme klingt und ich wünschte ich hätte die Möglichkeit gehabt, nicht nur mit der Persönlichkeit eines Kindes mit dir zu sprechen, dich kennenzulernen. Ich wünschte, du könntest dieses Jahr miterleben, wie deine Tochter ihr Abitur überreicht bekommt. Papa hat keine Lust zu kommen, er will an dem Tag lieber arbeiten. Ich wünschte, du könntest dabei sein...
Außerdem werde ich dieses Jahr aus unserer Wohnung ausziehen und mit meinem Freund zusammenziehen. Ich hänge sehr an dieser Wohnung, denn dort erinnert mich so vieles an dich, so vieles ist noch präsent. Doch auch wenn es weh tut weiß ich, dass ich es hinter mir lassen muss, damit ich vielleicht auch mal mit all dem abschließen kann, doch das fällt mir sehr schwer, ich hab wohl schon immer sehr an Erinnerungen festgeklammert. Ich will dich nicht loslassen, weil ich das Gefühl habe, dich sonst zu verraten. Bitte glaub das nicht, ich ziehe nicht aus, um dich zu vergessen. Ich ziehe aus, weil ich Distanz zu Papa brauche und endlich gesünder leben muss. Seit über 6 Jahren schneide ich mir mittlerweile die Haut auf, ich kann nicht anders mit Schmerzen umgehen. Ich kiffe mir auch gerne mal die Birne weg, um einfach mal den Kopf frei zu kriegen und mich entspannen zu können, oder um schlafen zu können. Das allerdings auch entgegen der Meinung meiner Therapeutin, denn ich riskiere jedes Mal ein schlimmes Flashback, doch manchmal bin ich gerne bereit, dieses Risiko einzugehen. Momentan bricht mir nämlich wieder ein bisschen der Boden unter den Füßen weg. Als ich mit Papa alleine war, musste ich alles umstrukturieren, ich habe ein ganz anderes Leben geführt als vor deinem Tod. Doch ich habe es in den Jahren glaube ich mit der Zeit so gut wie möglich hinbekommen. Doch bald wird wieder alles anders. Ich ziehe in eine andere Stadt, eine andere Wohnung, alleine mit meinem Freund, raus aus der vertrauten Schule und rein in die fremde Uni. Dabei geht so viel von meinem alten Leben verloren und auch so viel von dem Rest, der mir von dir geblieben ist. Ich will hiermit einfach nur sichergehen, dass du weißt, ich tue das nicht, um dich aus meinem Bewusstsein zu werfen, ich tue das einfach nur, weil es notwenig ist, damit ich gesund werden kann, zumindest gesünder als ich es jetzt bin und damit ich mir ein eigenes Leben und eine Familie aufbauen kann, denn von meinem alten Leben und meiner Familie ist nicht mehr viel übrig. Ich liebe dich und du wirst immer ein Teil von mir sein, ich werde mich immer gerne an dich erinnern und ich hoffe, trotzt all dem, was ich jetzt so tue, wachst du trotzdem über mich und bist bei mir, auch wenn ich dich nicht sehen kann. Ich liebe dich und ich vermisse dich mehr als ich jemals ausdrücken könnte. Deine Alex
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