Guten Abend meine Lieben. Ich muss mir jetzt einfach mal die Zeit zum bloggen nehmen. Seit fast zwei Wochen bin ich jetzt aus dem Einsatz raus, ich habe durchgehalten, ohne mich krankschreiben zu lassen oder so und habe sogar eine gute Note von der Station bekommen, immerhin. Seit meinem letzten Post habe ich es auch wieder besser geschafft, was mit mir anzufangen, habe meine Interessen wieder verfolgt und wenigstens eine Stunde am Tag was gemacht, was ich gern mache. Ich bin so froh, jetzt wieder Schule zu haben. Allerdings sind wir seit Freitag der Examenskurs und jeder Lehrer reibt uns mindestens fünf mal pro Stunde unter die Nase, dass wir uns auf die Prüfungen vorbereiten müssen, was alle irgendwie unter Druck setzt, weil uns durch Corona einfach mega viel Stoff fehlt und da die Inzidenzen wieder hoch gehen, müssen wir jeden Tag bangen, dass wir zurück ins Home Schooling müssen, was eine Katastrophe wäre. Für den Moment versuche ich mich darauf zu konzentrieren, mich darüber zu freuen, meine Klasse wiederzusehen. Wir haben am Freitag eine Kursfeier gemacht, wohin immerhin 13 von 20 Leuten gekommen sind. Ich habe sogar bei der Gastgeberin übernachtet, sowas mache ich sonst nie. Aber es hat sich echt gelohnt, es war ein richtig toller und viel zu kurzer Abend. Dabei habe ich nicht mal geschlafen. Wir haben gegrillt, getrunken, ich habe mit ein paar Leuten gekifft und mit einem Freund aus dem Kurs Deeptalk geführt. Ich könnte jetzt weiter ins Detail gehen, aber da niemand diese Leute kennt ist es für euch nur halb so witzig. Aber ich versichere euch, es war ein Abend, an den ich noch lange mit einem Lächeln auf den Lippen zurückdenken werde. Diese Truppe wundervoller Menschen fehlt mir jetzt schon, wenn ich daran denke, dass wir in gut 7 Monaten mit der Ausbildung fertig sein werden und sich die meisten Wege wohl dann trennen werden. Ich habe diese Ausbildung ja wirklich oft und viel verteufelt und mich immer wieder gefragt, warum ich mir den Scheiß antue, aber alleine für die Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte hat es sich gelohnt.
Naja, auf jeden Fall habe ich den Rest des Wochenendes weiter mit trinken und kiffen verbracht und komme heute ein bisschen nicht auf mein Leben klar, weil ich nicht nüchtern sein will. Obwohl das was ich bisher geschrieben habe ja eigentlich ziemlich positiv klingt, bin ich in den letzten Wochen trotzdem total durcheinander. Meine innere Anspannung macht was sie will und ich denke jeden Tag darüber nach, wie gerne ich mich wieder schneiden will. Und jeden Tag denke ich mir ein bisschen lauter "scheiß drauf, machs einfach" und das ist nicht gut. Ich habe das Gefühl, mich mal wieder auf dem Weg zu einem Super GAU zu befinden, ich spüre einfach, dass es irgendwann wieder knallen wird. Vielleicht schon morgen, vielleicht auch erst in drei Monaten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht mehr lange durchhalte. Meine Strategien versagen langsam aber sicher. Ich war seit Anfang Juli nicht mehr bei meiner Psychologin, weil sie meine Nachrichten nicht beantwortet, was irgendwie ziemlich ungünstig ist. Und mir zeigt, dass ich keinen Plan habe, wie ich klar kommen soll, wenn meine Stunden voll sind, weil ich ja anscheinend durchdrehe, wenn ich mal einen Monat lang auf mich alleine gestellt bin. Dabei rede ich mit Leuten, es ist nicht so, als würde ich alles in mich rein fressen. Und wenn ich auf den Friedhof gehe und mit einem Grabstein spreche, scheißegal, aber ich lasse es irgendwie raus. Aber im Grunde kann ich ja mit Alex über alles reden. Und mit zwei Leuten aus meinem Kurs spreche ich eigentlich auch über fast alles. Aber gleichzeitig laugt mich diese intensive soziale Interaktion auch aus. Was das Bedürfnis mich zu schneiden noch stärker macht. Das Wort "Teufelskreis" geistert mir diesbezüglich im Kopf rum. Ach Leute, wieso ist es so kompliziert zu leben? Am liebsten würde ich mich für die nächsten drei Jahre unter meiner Decke verkriechen und eine Pause von allem machen. Aber das geht auch nicht. Ich könnte eine Pause für immer machen und mich einfach umbringen, aber tatsächlich ist das auch nicht das, was ich will. Ich will nicht sterben. Aber ich bin trotzdem gerade mal wieder an einem Punkt angekommen, wo ich sage: So kann es auch nicht weitergehen. Ich kann nicht wochenlang nur damit beschäftigt sein, mich nicht selbstzuverletzen. Aber wieder damit anfangen kann ich auch nicht. Den Scheiß aus meinem Leben schmeißen schaffe ich auch nicht, dafür war ich zu tief drin. Das Bedürfnis mit Drogen und Alkohol zu überdecken versagt auch gerade, weil ich das nur am Wochenende machen kann, weil ich unter der Woche halt Auto fahren muss. Zu Schulzeiten konnte ich einfach morgens mit saufen anfangen und bin dann halt zu Fuß zur Schule. Aber knapp 20km ist ein bisschen weit, um zu Fuß zu laufen. Und eigentlich sollte ich mein Ritzproblem auch nicht mit nem anderen Suchtproblem lösen wollen, ich sollte inzwischen gelernt haben, dass das sinnlos ist. Ich glaube, ich werde einfach langsam verrückt. Also noch verrückter als ich ohnehin schon bin. Vielleicht bin ich auf dem Weg, meinen Verstand jetzt endgültig zu verlieren. Scheiß drauf, dann ist das halt so. Aber ich wäre wirklich dankbar, wenn das etwas schneller vonstatten gehen würde, weil gerade bin ich einfach nur im freien Fall, finde nichts, woran ich mich festhalten kann und weiß nicht, wo ich landen werde und wie viel dann noch von mir zu retten ist. Ich wünschte meine Mama würde mir antworten, wenn ich sie um Rat frage. Sie wäre wahrscheinlich der einzige Mensch, der mir jetzt helfen könnte. Und wenn sie sich einfach mit mir in mein verdammtes Bett kuscheln würde und so lange mit meinen Plüschkatzen rumalbern würde, bis ich wieder lachen könnte. Das hat immer geholfen. Egal wie schlimm die Nacht war, sobald meine Mama bei mir war, ging es mir besser. Sie hat es immer geschafft, dass ich wieder lachen konnte. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr sie mir immer noch jeden Tag fehlt und wie sehr ich mir wünsche, noch einmal mit ihr reden zu können, damit ich ihr sagen kann, wie sehr ich sie liebe. Und dass ich ihr unendlich dankbar bin, für jeden Moment meines Lebens, den ich mit ihr verbringen durfte. Ich könnte mir keine bessere Mama vorstellen und ich weiß wirklich nicht, wie ich es 10 Jahre lang geschafft habe ohne sie klarzukommen. Ich vermisse sie so sehr und bin gerade so durcheinander und überfordert mit mir selbst, dass es besonders schlimm ist, dass sie nicht da ist.
Ich hoffe, euch geht es besser. Habt eine schöne Woche, bis bald meine Lieben. Und dann hoffentlich wieder in einer stabileren Verfassung meinerseits. Machts gut.
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