So Leute, das wichtigste zuerst, ich habe alle Prüfungen bestanden! Unser ganzer Kurs hat bestanden, das ist echt super. Wir haben uns alle so gefreut! Das wollte ich direkt mal los werden, bevor ich genauer erörtere, was im letzten Monat so passiert ist, das ist nämlich schon wieder echt scheiße viel. Also legen wir los.
Ich habe mich unfassbar gefreut, als wir nach den schriftlichen Prüfungen wieder in die Schule durften. Es waren zwar alle super gestresst und es gab den ein oder anderen Zoff untereinander, aber trotzdem war ich froh, dass wir uns noch ein paar Wochen sehen und uns gegenseitig auf die Nerven gehen konnten. Liebevoll gemeint, natürlich. Denn uns ist von Tag zu Tag bewusster geworden, wie begrenzt unsere Zeit miteinander in diesem Klassenzimmer ist. Dass sich bald alles ändern wird, wir wahrscheinlich in dieser Runde nach dem Examen nie wieder so zusammensitzen werden. Kein gemeinsames Lachen mehr im Unterricht über irgendeinen Kommentar, nicht mehr mit allen zusammen in der Pause vor der Schule stehen und rauchen. Keine Pläne mehr für die nächste Party schmieden, nicht mehr mitbekommen, was bei wem gerade so abgeht. Die Endlichkeit dieser guten Sache, die ich in dieser Klasse gefunden habe ist mir unglaublich schmerzlich bewusst geworden und so habe ich versucht, jeden Moment, den ich noch in der Schule verbringen konnte zu genießen. Es war ein schmaler Grad für mich zwischen glücklich und totunglücklich.
Wir haben noch eine kleine Mottowoche gemacht, bei der leider nicht alle mitgemacht haben, aber es gab trotzdem gute Kostüme zu sehen. Wir haben einen Pyjama Tag gemacht, Geschlechtertausch, Casino Royale und einen 80er/90er Tag. Ich bin eigentlich nicht so der Mensch, der sich gerne verkleidet, ich laufe gerne in genau den Sachen rum, in denen ich mich wohlfühle. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht so in die Schule zu gehen. Zumal ansonsten mal wieder die ganze Zeit nur aus lernen bestand. Wir sind mit einer kleinen Lerngruppe oft nach der Schule noch ein paar Stunden da geblieben, bis die Lehrer uns rausgeschmissen haben und haben zusammen den Stoff wiederholt.
Und dann kam der Schock für mich: 10 Tage vor meiner mündlichen Prüfung hatte Alex einen positiven Coronatest. Meine Welt ist natürlich untergegangen, ihr kennt mich ja. Wie reagieren ich und meine 20 Persönlichkeiten auf so eine Nachricht? Tja, erstmal bleiben wir 2 Stunden apathisch auf dem Boden sitzen und sind gar nicht ansprechbar, aber im Kopf läuft ein ganz guter Film, der uns zeigt, wie schlimm es kommen wird. Alex wird es richtig dreckig gehen, bestimmt muss er sogar ins Krankenhaus. Vielleicht stirbt er auch. Du bist ab sofort komplett auf dich alleine gestellt, musst dich um alles selber und alleine kümmern, was außerhalb des Hauses stattfindet. Dabei bräuchtest du doch deine ganze Energie fürs Lernen. Das kannst du jetzt natürlich knicken. Wahrscheinlich steckst du dich eh an, aus der Quarantäne kommst du dann nicht mehr rechtzeitig raus. Du verpasst deine Prüfung und musst deine Ausbildung verlängern, wieder ganz alleine, deine Freunde sind dann nicht mehr da. Du kannst dich nicht mal auf der Abschlussfeier von ihnen verabschieden, Es ist alles so sinnlos, am besten bringst du dich direkt um. So ungefähr ging der Film. Als ich mich endlich vom Boden erhoben habe, hat eine andere Persönlichkeit das Steuer an sich gerissen und nur noch rumgewettert, dass wir uns jetzt sofort umbringen werden, weil das alles nicht auszuhalten ist. Die nächste Persönlichkeit versucht tatsächlich die Haltung zu bewahren und gegen die verdammten Tränen ankämpfen. Tief in mir drinnen gibt es auch Teile, denen klar war, wie unglaublich überzogen und dämlich meine Reaktion war, aber sie hatten keine Chance gegen die impulsiveren Anteile. Zum Abschluss hat sich dann noch jemand zu Wort gemeldet, der versucht hat, den Ernst aus der Situation zu nehmen und meinte "Ich hab mich noch nie angesteckt, obwohl es dafür viele Gelegenheiten gab, ich stecke mich auch jetzt nicht an, bin ja offensichtlich eh immun.". Tja, und was soll ich euch sagen? Er hatte recht. Ich habe mich wirklich nicht angesteckt. Eigentlich unglaublich. Mir ging 10 Tage lang der Arsch auf Grundeis, aber ich bin negativ geblieben. Alex konnte sich nach 7 Tagen freitesten, außer 3 Tage leichten Schnupfen hatte er tatsächlich auch nichts, wofür ich ausgesprochen dankbar bin. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass ich nachher noch andere Leute anstecken könnte, sodass ich allen aus dem Weg gegangen bin. Immer schön Abstand halten und Maske tragen. Ich hab mich so einsam gefühlt. Trotzdem habe ich nicht zugelassen, dass irgendwer mich zum Trost in den Arm nimmt oder so.
Am Samstag vor der mündlichen Prüfung haben wir uns mit unserer Lerngruppe bei einer Freundin zuhause getroffen, wollten erst lernen und dann zusammen was trinken, um auch mal was angenehmes zu machen. Ich hatte mich riesig auf diesen Abend gefreut, ich brauchte das so sehr mal wieder raus zu kommen und Spaß zu haben. Ich habe mich sogar bereit erklärt dort zu schlafen, weil Alex durfte mich ja nicht abholen. Während des Lernens ist die Stimmung immer schlechter geworden, wir wurden mit fortschreitender Uhrzeit immer unkonzentrierter, entsprechend waren auch die Antworten immer weniger zufriedenstellend, was die Stimmung weiter runtergezogen hat. Weil ich mich nicht deprimieren lassen wollte, habe ich mir irgendwann den ersten Joint geraucht. Und war dann doch traurig, weil keiner mitgemacht hat. Versteht mich nicht falsch, ich will niemandem irgendwas aufzwingen, ich war nur pissig, weil man mir vorher auch einfach hätte sagen können, dass keiner Bock hat, dann hätte ich mich nur auf lernen eingestellt und dann halt wieder gefahren. So aber habe ich den ganzen Tag über dem Abend entgegengefiebert, der sich dann als ziemliche Enttäuschung rausgestellt hatte. Niemand hat mehr als ein Bier getrunken, Naja, außer mir, aber alleine trinken macht halt ziemlich traurig. So haben sich dann 2 Leute verabschiedet und sind nach hause gefahren, die Gastgeberin hat sich irgendwann auch ins Bett verpisst und ich saß dann da mit einer Mitschülerin, wir haben noch ein wenig ferngesehen und sind dann auch um 1 oder so schlafen gegangen. Wobei man von schlafen nicht wirklich reden konnte. Ich hab eigentlich die ganze Nacht heulend auf der Couch gelegen, versucht dabei keinen Ton von mir zu geben und mir schon wieder gewünscht, dass ich tot wäre. Von dieser Laune konnte ich mich auch in den Tagen danach nicht mehr lossagen. Der Gedanke kam immer wieder, nur weinen konnte ich nicht mehr.
Einen Lichtblick in meiner Stimmung gab es letzten Montag, da bin ich mit zwei Freundinnen Kleider shoppen gewesen für die Abschlussfeier. Ich wollte unbedingt ein neues Kleid haben, so sind wir durch viele Läden und ich habe Unmengen an Kleidern anprobiert. Entschieden habe ich mich für ein helles Cocktailkleid, das glitzert wie eine Diskokugel. Ich glaube die Grundfarbe ist lila, im Licht sieht es aber auch mal blau oder rot aus. Das war für den offiziellen Teil. Für unsere private Feier habe ich mir ein kurzes schwarzes Kleid gekauft, ebenfalls mit viel Glitzer, mit tiefem V-Ausschnitt hinten und vorne. Kleider waren also schonmal gekauft, musste nur noch die Prüfung bestanden werden. Meine Prüfung hatte ich dann am Mittwoch Nachmittag, als letzte aus meinem Kurs. Ich hatte also noch viel Zeit um zu lernen, aber auch, um mich verrückt zu machen. Ich bin 2 Stunden vor meiner Prüfung schon in der Schule gewesen, weil ich es zuhause nicht mehr ausgehalten habe. Zum Glück waren auch andere aus meinem Kurs da, die entweder auch noch warteten oder ihre Prüfung schon hinter sich hatten. Dann ging es um kurz nach 15 Uhr los. Ich hatte gute Themen, bei denen ich mich sicher war, gezogen und konnte viel dazu sagen. Um 16 Uhr ging dann die Notenbekanntgabe los. Jeder musste zum Einzelgespräch und hat alle Noten der Prüfungen erhalten. Die erste kam raus. Daumen hoch, bestanden. Wir jubeln und applaudieren. Die nächste kommt raus, bestanden, gleiches Spiel nochmal. So ging es immer weiter. Ich war die letzte die rein musste. Praktisch und Mündlich 1, Schriftliche 2, bestanden. Ich komme raus, alle jubeln und jetzt ist es offiziell: Wir haben es alle gepackt. Alle 20 Leute haben bestanden. Das gab es schon ewig nicht mehr. Plötzlich hatten sich die letzten Monate gelohnt, denn sie haben uns hierher geführt, in diesen glücklichen Moment. Mein Kurskumpel kommt zu mir, die erste Umarmung seit 10 Tagen. Er wirbelt mich durch die Luft und sagt immer wieder in mein Ohr "Wir haben es geschafft". Ich wiederhole seine Worte, weil ich nichts anderes sagen kann. Fühle unser beider Erleichterung, auch wenn wir die Bedeutung dieser Worte noch gar nicht richtig fassen konnten.
Am nächsten Tag fand dann die offizielle Verabschiedung statt mit dem Klinikvorstand, den Lehrern, dem Kurs und einem Angehörigen den man mitbringen durfte. Ich war froh, dass Alex dabei sein konnte, wo es für mich doch vor zwei Wochen noch so undenkbar gewesen ist, überhaupt an diesem Tag teilhaben zu dürfen. In den Reden der Leute gab es dann die letzten 3 Jahre einmal im Schnelldurchlauf. Wir haben viele Fotos gemacht und uns alle zusammen gefreut. Es wurde ausgetauscht, wie der Weg für jeden von uns nun weitergeht. Ich habe den Stich des Abschiedes in meinem Herzen gespürt, ihn aber so gut ich konnte ignoriert. Schließlich gab es am nächsten Tag noch unsere private Abschiedsfeier. Und die war der Hammer. Es waren leider nicht alle da, aber viele und unser Klassenlehrer ist auch noch gekommen. Wir haben uns mit ein paar Leuten zum vorglühen getroffen und waren schon gut angeheitert, als wir in der Kneipe ankamen. Wir haben viel geredet und gelacht, es gab Deeptalk und Fotos und sehr viele Umarmungen. Mein Kurskumpel ist den ganzen Abend über kaum von meiner Seite gewichen, wir haben super viel geredet und ich war froh, mich hin und wieder an ihm festklammern zu können. Nicht, weil ich so betrunken war, sondern vielmehr als stummes Versprechen, dass das nicht das Ende unserer Freundschaft ist. Denn das würde ich nicht überleben. Nicht bei ihm. Denn das ist so viel mehr für mich, als eine normale Freundschaft. Er versteht mich, so viel besser als andere Menschen. Und ich vertraue ihm, so viel bedingungsloser als anderen Menschen. Ihn zu verlieren, nachdem wir diese Freundschaft in den letzten 3 Jahren so behutsam aufgebaut haben, das würde ich nicht verkraften.
Das war am Freitag. Ich war so glücklich und dennoch innerlich so zerrissen dabei, denn obwohl ich so glücklich darüber war, dass wir alle unser Examen geschafft haben, hat es mir das Herz gebrochen, mich von all diesen wundervollen Menschen zu verabschieden. Die letzten 3 Jahre waren oft genug die Hölle. Für viele von uns. Diese ganzen Höhen und Tiefen zusammen durchzustehen hat uns einander näher gebracht, wir sind daran gewachsen, alle zusammen. 20 Persönlichkeiten, wie sie verschiedener nicht hätten sein können und die ganz bestimmt nicht immer einer Meinung waren. Aber wenn es hart auf hart kam, konnten wir uns immer aufeinander verlassen. Und das wird mir so fehlen. Am Anfang habe ich diese Ausbildung wirklich gehasst, habe mich selbst für diese Entscheidung gehasst. War so oft kurz davor, alles hinzuschmeißen, weil es in den letzten 3 Jahren zu viele Tiefpunkte in meinem Leben gab: Die Überforderung mit dem Schichtdienst klar zu kommen, neue Therapie angefangen, neue Diagnose auf meiner Liste hinzugefügt, in der Hypnotherapie endlich Klarheit darüber bekommen was genau mir als Kind passiert ist, die Aufarbeitung dessen, dissoziative Blackouts, getrunken, gekifft, geritzt, Rückfälle, Isolation, Verzweiflung, Suizidgedanken immer wieder. Was mich davon abgehalten hat, dem einfach nachzugeben war vielleicht die Hoffnung, die ich ihn diese Menschen gesetzt habe. Leute, die mich nicht aufgegeben haben, obwohl ich sie immer wieder weggestoßen habe. Die mir gezeigt haben, dass ist gut so bin wie ich bin. Die mir Stück für Stück beigebracht haben, wieder zu vertrauen. Ich bin so dankbar dafür, denn sie haben mir damit so viel Halt gegeben. Und deshalb sind die Tage seit der Verabschiedung die Hölle für mich. Mir war nicht klar, dass ich Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit in diesem Maße noch spüren kann. Wenn ich Emotionen so überflutend spüre, dann verschwinden sie meistens schnell wieder, weil ich wegen irgendwas Nichtigem total überreagiere. Diesmal nicht. Diesmal halten sie sich tapfer und begleiten mich jeden Moment des Tages und auch der Nacht. Immer. Und es fühlt sich mit jeder Minute die verstreicht unerträglicher an. Ich bin nicht gut darin Abschied zu nehmen, war ich noch nie. Weil ich nicht in Worte fassen kann, wie sehr es mich verfolgt. Scheißegal wie schwierig es in den letzten 3 Jahren war, ich habe an mir gearbeitet und hatte zumindest ansatzweise das Gefühl, meinen Platz in der Welt gefunden zu haben. Es ist leichter geworden zu leben. Doch jetzt heißt es Veränderung, denn ab Freitag sind wir keine Azubis mehr, sehen uns nicht mehr täglich und was die Zukunft für jeden von uns bringen wird ist ungewiss. Ich hasse Veränderungen, das Gefühl, dass man nicht mehr zurück kann, egal wie sehr man sich das wünscht. Jetzt heißt es sich mit neuen Leuten zu arrangieren, Verantwortung zu übernehmen und sich zurechtzufinden in dieser neuen Welt. Alles in mir sträubt sich dagegen, ich will nicht wahrhaben, dass dieser Moment wirklich gekommen ist. Eigentlich sollte ich mich darüber freuen, ich habe ein gutes Examen gemacht und meine Wunschstelle bekommen. Aber alles was ich empfinde ist tiefe Traurigkeit. Der Preis den ich zahle, er ist zu hoch. Ich bin noch nicht bereit, mich wieder aufzurappeln und einfach weiter zu machen. Denn in jeder Sekunde die vergeht bin ich totunglücklich, weil ich nur daran denken kann, was sich jetzt alles ändern wird. Und das ist gefährlich. Denn langsam komme ich zu der Erkenntnis, dass die Ungewissheit des Todes mich weniger abschreckt als die des Lebens. Verführerisch sich diesem Gedanken einfach hinzugeben. Doch auch das kann ich mir selber nicht gestatten. Denn jetzt zu sterben, ohne überhaupt versucht zu haben weiterzumachen, das fühlt sich wie Verrat an. An allem, was die letzten 3 Jahre für mich zu so etwas Besonderem gemacht hat. Und auch wenn vieles gerade so dermaßen unerträglich erscheint, kann ich genau deshalb nicht zulassen, dass die Dunkelheit mich fort trägt. Denn ich habe jetzt ein paar Gründe mehr zu kämpfen als vor 3 Jahren.
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