Sonntag, 20. September 2015

Guten Abend zusammen. Ich melde mich auch mal wieder. Das habe ich mir verdient, nachdem ich 3 Stunden damit beschäfftigt war Deutsch und Mathe zu lernen, weil ich in Mathe alles aus dem letzten Schuljahr wiederholen musste. Dienstag schreiben wir dann Deutsch und Donnerstag Mathe. Und dann geht es danach den Montag auf Klassenfahrt, ich habe noch immer keine Lust, aber naja. Gerade habe ich Sturmfrei, mein Vater ist bei einer Kaninchenausstellung und mein Freund bei einem Kumpel. Ist komisch, ich glaube ich war seit über 3 Monaten nicht mehr alleine, entweder mein Freund war da oder auch im Urlaub war mein Vater immer da. Okay, immerhin ist meine Katze hier und hat mich lieb, aber trotzdem ist mir die Sache nicht ganz geheuer. Naja, egal. Hmm, gibt es irgendetwas zu erzählen? Joa, also ich war heute mal wieder bei meiner Mutter am Grab. Mir ist bewusst geworden, dass es im Januar schon 5 Jahre sind. Das ist ne ganz schön lange Zeit. Und gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass es irgendwie zum alltag geworden ist, dass sie nicht da ist. Ich meine, klar, ich vermisse sie und es ist furchtbar ohne sie und so, aber man  gewöhnt sich halt daran, dass sie nicht mehr da ist. Nicht im Sinne davon, dass ich sie weniger vermisse, oder dass es irgendwie erträglicher wird, sondern mehr so, dass man nicht mehr erwartet, dass sie hier ist. Am Anfang war es so, dass ich nach hause gekommen bin und mir erst nach ein paar Minuten bewusst wurde, dass ich alleine bin und die Stille im Haus war unerträglich. Es war ungewohnt morgens alleine zu sein und abends nur mit meinem Vater am Tisch zu sitzen. Mittlerweile ist es zur Normalität geworden, ich erwarte nicht mehr, dass sie da ist, wenn ich nach hause komme, es ist auch nicht mehr ungewöhnlich ohne sie zu essen und sowas. Ich weiß nicht, irgendwie habe ich mich heute, als ich bei ihr am Gab stand schlecht gefühlt, weil sich das Leben ohne sie quasi normalisiert hat. Ich weiß, dass das auch so sein sollte und dass sie sich das bestimmt auch wünschen würde, aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen, so wie ich es am Anfang auch hatte, wenn ich wieder für einen Moment glücklich, oder zumindest fröhlich war. Ich hatte immer Angst, dass sie sich von mir verraten fühlt. Ich meine, ich sollte viel mehr Zeit damit verbringen an sie zu denken, zu trauern, sie zu vermissen.
Und dann heute der Abend, keine Ahnung, ich saß halt im Wohnzimmer, der Fernseher lief nebenbei und ich habe mein Schulzeug gemacht. Das hat mich irgendwie an die letzte Zeit mit meiner Mutter erinnert. Als mein Vater öfter mal abends in irgendeine Kneipe gefahren ist und ich mich um meine Mutter gekümmert habe. Da saß ich auch immer im Wohnzimmer rum, sie saß entweder bei mir oder lag in ihrem Krankenbett und hat ferngesehen, ich habe dabei gesessen, ihr ihre Medikamente gegeben, oder was zu trinken und dann habe ich sie bettfertig gemacht. Auf den Pflegedienst habe ich geschissen, die haben ihr eh nur weh getan. Sie rumheben konnte ich sehr gut alleine und sie umzuziehen und fürs Bett fertig und so habe ich auch selbst geschafft. Also blieb ich dann noch bei meiner Mutter, bis sie müde war, habe sie fertig gemacht, ihr eine gute Nacht gewünscht und bin dann selbst schlafen gegangen. Einmal hat sie mich gebeten noch bei ihr zu bleiben, also bin ich bei ihr sitzen geblieben, bis sie eingeschlafen ist und bin dann erst schlafen gegangen. Und dann unser letztes Gespräch...und ich musste mich mit ihr streiten. Sven, du wolltest mal wissen, warum ich mich selbst so sehr hasse. Deshalb. Weil ich meine Mutter am letzten Abend ihres Bewusstseins angeschrien habe und das nur, weil sie nicht essen wollte. Sie hat fast geweint, weil ich so ausgerastet bin, aber ich war in dem Moment so verzweifelt, ich wusste, dass sie bald sterben würde und dann wollte sie nicht essen, aber sie musste doch essen um vielleicht doch wieder zu Kräften zu kommen, aber sie wollte nicht und ich war so verzweifelt und dann bin ich laut geworden und habe meine Mutter traurig gemacht und am nächsten Tag konnte man nicht mehr mit ihr sprechen, am Tag danach auch nicht und am Tag darauf ist sie gestorben. Und das kann ich mir nicht verzeihen. Ich werde es mir auch niemals verzeihen können. Ich meine, was ist, wenn sie wegen mir nicht in Frieden sterben konnte? Ich war so gemein zu ihr und danach war unsere Zeit vorbei. Für immer.

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