Liebe Nicole,
ich schreibe dir, weil ich in den letzten Tagen so oft an dich denken musste. Ich muss eigentlich jeden Tag an dich denken, aber momentan ist es besonders schlimm. Du bist jetzt schon mehr als 4 Monate nicht mehr bei uns und ich kann es noch immer nicht fassen. So oft will ich in die Mädelsgruppe schreiben, ob wir mal wieder was unternehmen soll, alle zusammen. Doch dann fällt mir ein, dass du nicht mehr dabei sein wirst und mir wird klar, dass ich noch nicht bereit dazu bin. Das letzte Mal, dass ich die Mädels gesehen habe, war auf deiner Beerdigung. Mit Laura und Janina zusammen habe ich vor deinem offenen Sarg gestanden. Dein dämlicher Vater hat vorher zu uns gesagt "Ihr braucht keine Angst zu haben, sie lächelt sogar.". Ich musste mich wirklich zusammenreißen, ihm keine zu kleben. Meiner Meinung nach war das kein Lächeln auf deinen Lippen, aber das warst sowieso nicht mehr du, oder? Alle Leute sagen, dass du auch in den Monaten zuvor nicht mehr du selbst warst, doch diese Meinung kann ich nicht teilen. Das ist, als ob ich niesen würde und den Leuten dann erkläre "Tut mir Leid, das war nicht ich, das war meine Krankheit". Aber die meisten Leute verstehen sowieso nicht, dass psychische Probleme auch eine Krankheit sind. Und wenn sie es doch tuen, dann wirst du nur auf diese Krankheit reduziert, es kotzt mich an. Deshalb bin ich mir sicher, dass du noch da warst, bis zum letzten Augenblick. Deine Stimme klang noch genauso wie früher. Dein Lachen, das gleiche wie vor 10 Jahren. Deine Augen konnten noch genauso strahlen, wie früher.
Ich muss immer wieder an unser letztes Gespräch denken. Ich habe den Tag mit dir wirklich genossen. Es war schön, mal wieder Zeit mit dir alleine zu verbringen, das renovieren hat Spaß gemacht und es tat gut, sich mit dir zu unterhalten. Später haben wir einfach auf dem Boden von deinem Balkon gesessen, weil du noch keine Stühle hattest. Wir haben Kekse gegessen und Eistee getrunken, eine Zigarette nach der anderen geraucht und über alles geredet, was uns auf dem Herzen lag. Es war mir ein Privileg, dass du dich mir so geöffnet hat. Und während du mir von deinen Ängsten erzählt hast, von schlechten Erfahrungen und von gemeinen Menschen, von schlechten Angewohnheiten und Dingen, die man nicht wahr haben möchte, da habe ich gedacht, ich blicke in einen Spiegel. Oder meine Zwilligsschwester sitzt gerade vor mir. Denn als ich dir von meinen Ängsten, schlechten Erfahrungen und Angewohnheiten erzählt habe, waren diese fast identisch. Deswegen habe ich dir erzählt, was ich gegen diese Ängste tue, wie ich es geschafft habe, manche Dinge hinter mir zu lassen und wie es mir mit den Sachen besser geht, die ich noch nicht hinter mir lassen konnte. Und du hast mich kein einziges Mal für das, was ich gesagt habe komisch angeguckt, hast mir keine neunmalklugen Tipps gegeben, die nur von Leuten stammen, die keine Ahnung von dem haben, was du erzählst. Du konntest einfach alles verstehen. Egal was ich gesagt habe, du konntest mir Verständnis entgegen bringen. Und anders herum war es genauso. Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemanden getroffen, mit dem ich mich so gut unterhalten konnte. Auch wenn ich es sehr bedaure, dass du diese Dinge verstehen konntest, weil du ähnlich empfunden hast. Doch so wie es mich getröstet hat mit jemandem zu reden, der mich endlich verstand, hoffe ich, dass es auch dich getröstet hat, endlich verstanden zu werden. Wenn auch nur für eine kurze Zeit. Nach deinem Tod habe ich mir sehr lange Vorwürfe gemacht, weil ich dachte unser Gespräch hätte bei dir zu viel aufgewühlt, was du nicht verkraften konntest. Dieser Gedanke kommt mir immer noch häufiger als mir lieb ist. Doch irgendwann habe ich mich an den Moment erinnert, als wir uns verabschiedet haben. Du hast mich nach hause gefahren, ich habe dir gesagt, du sollst dich melden, wenn du Hilfe brauchst. Es war sowohl auf deine Wohnung, als auch auf alles andere bezogen. Wir haben uns zum Abschied umarmt, dann hast du inne gehalten. Ich habe gedacht, du wolltest noch irgendwas sagen, doch das hast du nicht getan. Dann haben wir uns endgültig verabschiedet. Mir war nicht klar, wie endgültig dieser Abschied war, aber ich glaube, du wusstest es. Und deswegen mache ich mir mittlerweile keine Vorwürfe mehr. Ich glaube, dass du deinen endgültigen Selbstmord schon lange geplant hattest, bevor wir uns an diesem Samstag getroffen haben. Und ich glaube, unser Gespräch am Abend war dein persönlicher Abschiedsbrief an mich. Ich bin dir dankbar für diesen letzten Tag, den du mir geschenkt hast, es hilft mir, deine Entscheidung besser zu verstehen und sie zu akzeptieren. Doch auf eine Weise macht es den Abschied nur noch schwieriger, weil ich dachte, in dir eine Art Seelenverwandte gefunden zu haben. Viel zu oft will ich zum Handy greifen, um dir irgendwas zu erzählen, oder einfach um zu fragen, wie es dir so geht. Ich vermisse dich so sehr und ich glaube, dass ich niemals wieder einem Menschen wie dir begegnen werde. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder. Doch wo auch immer du gerade bist, ich hoffe es geht dir gut und du bist endlich glücklich.
In Liebe, Alex
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