Donnerstag, 4. Juli 2019

Hallo ihr Lieben. Wie zur Hölle sind bitte schon wieder 2 Monate vergangen? Meine Güte, ich war so gestresst, dass ich es nie geschafft habe mir mal Zeit zum bloggen zu nehmen. Aber es ist auch super viel in der Zeit passiert, ich habe also einiges zu berichten. Chronologisch vorzugehen kriege ich glaube ich eh nicht mehr zusammen, also hangel ich mich einfach von einem Thema zum nächsten und schaue mal ob dabei etwas halbwegs nachvollziehbares heraus kommt.
Also, zunächst mal etwas ausgesprochen positives: Ich bin jetzt wieder in Therapie. Die Therapeutin von der Klassenkameradin hat mit mir ein paar Kennenlerntreffen gemacht und ich bin super gut mit ihr zurecht gekommen, also gehe ich jetzt seit ca. nem Monat einmal pro Woche zu ihr. Wir haben neue Skills erarbeitet und letzte Woche mit einer Schematherapie angefangen, von der ich noch nicht genau weiß, wohin sie führen wird, aber ich bin gespannt und versuche dem ganzen offen entgegen zu treten. Es ist auf jeden Fall schonmal beruhigend zu wissen, dass da für den Notfall, wenn nichts mehr geht, jemand ist der mir schnell helfen kann.
Dann habe ich ja vom 24.05. bis zum 30.06. auf einer Suchtstation gearbeitet. Es war eine Herausforderung für mich, so vielen neuen Menschen zu begegnen und ich habe auch einige Zeit gebraucht, bis ich mit allen warm geworden und mich wohl gefühlt habe, aber nachdem ich erstmal wusste was abgeht und ein paar Kompetenzen entwickelt habe, wie ich den Patienten entgegentrete, hatte ich wirklich eine schöne Zeit dort und der Abschied fiel mir wirklich schwer. Ich war oft genervt von den Examinierten, weil viele uns Schüler nur als Putzhilfen gesehen haben, oder keine Lust hatten uns was zu zeigen und viele ganz verschiedene Erwartungen in meine Rolle hatten, aber die Patienten sind mir wirklich ans Herz gewachsen und mit den meisten bin ich sehr gut klar gekommen. Ich muss auch zugeben, dass es mir noch in den Knochen sitzt, dass ich mich von ihnen verabschieden musste. Ein paar Leute haben bei mir wirklich ein ganz starkes Bedürfnis danach ausgelöst ihnen zu helfen. Es gab so viele Leute, die alleine in den paar Wochen die ich da war immer wieder gekommen sind. Da muss so viel Schmerz hinter stecken, so ein Leben zu führen. Und so viele der Examinierten haben genau solche Leute aufgegeben. Vielleicht ist es naiv von mir, aber ich möchte genau bei solchen Leuten etwas bewegen, ihnen dabei helfen auch nach so vielen Jahren der Krankheit ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, neu zu starten und wieder richtig zu leben. Und irgendwie bricht es mir das Herz nicht mehr mit diesen Patienten zusammen arbeiten zu können. Es gibt einem selbst auch einfach super viel, wenn man es schafft den Mann mit den schweren Depressionen zum lachen zu bringen, den Jungen mit dem starken Suchtdruck davon abzuhalten die Behandlung abzubrechen, oder die Frau mit den Beziehungsproblemen damit zu erfreuen, dass man jeden Tag ein Shirt mit Katzenmotiv anzieht. Es gab einfach so viele kleine Momente, in denen eine Reaktion der Patienten die Unannehmlichkeiten dieses Berufes wieder gut gemacht haben, wo man einfach sehen konnte, dass das Positive überwiegen kann. Ja, Schichtarbeit ist anstrengend und schlaucht sehr und ja, es ist super beschissen wenn man am Wochenende arbeiten muss und dadurch viel verpasst. Keine Frage. Darüber habe ich mich auch oft genug aufgeregt. Aber zumindest weiß ich jetzt, dass ich auf jeden Fall weiter im psychiatrischen Bereich arbeiten möchte. Nur eben eher nicht als Pflegekraft :D. Nach der Ausbildung möchte ich auf jeden Fall so schnell es geht Psychologie studieren und mich zur Psychotherapeutin ausbilden lassen. Denn so schwer es mir fällt mit Menschen zu interagieren, so leicht fällt es mir mit psychisch Kranken zu arbeiten, warum weiß ich auch nicht, auf jeden Fall ist das eine sehr erfüllende Arbeit. Aber jetzt habe ich erstmal wieder 3 Wochen Schule und bin froh, dass ich im Juli kein Wochenende arbeiten muss. Im Gegensatz zur Arbeit ist es wirklich entspannend wieder zur Schule zu müssen und ich hoffe wieder etwas zur Ruhe kommen zu können. So viel zu meiner Ausbildung.
Das nächste Thema ist, dass ich inzwischen auf meinem ersten Schützenfest war. Und auf dem zweiten und dritten und kommendes Wochenende folgt das vierte. Also so schlimm wie gedacht war es nicht. Das erste hat eigentlich ziemlich viel Spaß gemacht. Bis es dann an die Tänze ging und ich nicht tanzen konnte, woraufhin Alex sich dann mit mir an den Rand gestellt hat. Das hat mich ganz stark gestört, ich wollte so gerne mit ihm tanzen. Also habe ich das als Kränkung gesehen, als wäre ich ihm peinlich und ich habe mich geschämt dafür, dass jede andere Frau dort tanzen konnte. Nachdem ich also über den Anfall hatte, hat Alex dann mit mir in den nächsten Tagen das Tanzen geübt, damit ich beim nächsten Schützenfest besser vorbereitet war. Dieses folgte dann eine Woche später. Dort haben wir dann getanzt und es hat auch super viel Spaß gemacht. Dort war ich dann allerdings super gestresst, weil ich am nächsten Tag arbeiten musste und eigentlich zeitig nach hause wollte. Ich kann mich dann einfach nicht entspannen wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag fit sein sollte. Und auf einer Alkoholentzugsstation sollte man es auch vermeiden verkatert und nach Kneipe stinkend zur Arbeit zu kommen. Also bin ich wieder mit richtig mieser Laune nach hause gefahren, obwohl ich eigentlich einen super schönen Abend hatte. Das dritte Schützenfest kam dann zum Glück wieder an meinem freien Wochenende. Ich hatte also keinen Zeitdruck, konnte tanzen und konnte dem ganzen etwas entspannter entgegentreten. So konnten Alex und ich dann also endlich mal den Abend in vollen Zügen auskosten und es war echt cool. Danach die Woche konnte ich es leider mit der Arbeit absolut nicht vereinbaren mitzukommen, also ist Alex alleine gefahren, was für mich natürlich sehr schwer zu akzeptieren war. Aber wenn ich arbeiten muss muss ich das akzeptieren und ich weiß dass ich ihm dann nicht jegliches Privatleben verbieten kann. Ich habe dann nur ganz übelst das Gefühl etwas zu verpassen, was ja im Grunde auch so ist. Das nächste Fest ist dann dieses Wochenende, ich muss nicht arbeiten, also ist ja schonmal eine gute Grundlage gegeben. Was mich nur extrem stört ist dass Alex am nächsten Morgen schon richtig früh, zumindest meiner Auffassung nach, wieder dahin muss, Frauen sind natürlich nicht erwünscht, und ich entsprechend nicht ausschlafen kann, was mich natürlich wieder unter Druck setzte, weil ich auch nicht den ganzen Sonntag wie ein Zombie rumrennen möchte. Gott, wann bin ich eigentlich so alt geworden? Das ist irgendwie echt super belastend. Ich mache mich selbst so aggressiv, weil ich mich so verhalte und weil ich so empfinde. Wieso kann ich mich nicht besser im Griff haben? Ich will endlich wieder die Kontrolle über mich übernehmen, aber es scheint dass diese mir immer mehr entgleitet je stärker ich versuche mich zu kontrollieren. Ich bin wirklich unzufrieden mit mir, aber versuche ich doch alles zu geben was ich kann. Ich habe es schon wieder geschafft mich fast sechs Wochen nicht selbst zu verletzten, obwohl ich es jeden verdammten Tag so sehr will. Ich weiß, dass der Scheiß keine Lösung ist, aber es ist so schön mal für eine kurze Zeit nichts mehr von all dem Druck zu spüren, nicht mehr nachdenken zu müssen, mich nicht mehr zurückhalten zu müssen.
Heute in der Schule war irgendwie auch ein echt komischer Tag. Es war viel zu viel für einen einzigen Tag. Langsam aber sicher komme ich in der Klassengemeinschaft an und wir lernen uns alle besser kennen. Zwei Mädchen, mit denen ich mich gut verstehe, haben heute mit mir darüber geredet, dass sie ähnliche Probleme damit haben, ihr Privatleben mit der Arbeit zu vereinbaren. Eine davon überlegt die Ausbildung abzubrechen, während die andere durchziehen will. Aber es war krass zu sehen, dass ich nicht die einzige bin, die sich deshalb so fertig macht und für die beiden war es glaube ich auch gut zu merken, dass sie nicht alleine sind. Wir haben alle drei davon erzählt, dass die Arbeit eigentlich Spaß macht und dort auch alles gut ist, nur das davor und danach sind furchbar, man verpasst so viel und weiß nicht wohin mit sich. Wir hatten alle drei während des Einsätzes regelrechte Nervenzusammenbrüche, weil es so überfordernd war, haben geweint und geflucht und über einen drastischen Abbruch nachgedacht. Das war schon ein sehr emotionales Gespräch, das wir da hatten. Ein Mädchen überlegt, eine Therapie zu beginnen, um besser damit klar zu kommen und da habe ich erzählt, dass ich auch frisch eine Therapie angefangen habe und mir das sehr hilft. Daraufhin hat sie gefragt, weshalb ich denn in Therapie bin und ich habe erzählt, dass ich Borderline habe. Auch darüber hatten wir dann ein sehr aufwühlendes, aber auch befreiendes Gespräch. Es ist für mich teilweise echt schwierig, dass niemand darüber Bescheid weiß, weil ich immer wieder auf bestimmte Verhaltensweisen angesprochen werde und in Erklärungsnot komme, weil ich das nicht jedem gegenüber thematisieren möchte und kann. Deshalb ist es für mich hier eine große Erleichterung zwei Mädchen zu haben, die mir vielleicht ein paar Macken verzeihen können und die wissen, dass ich nichts von dem was ich mache grundlos tue. Und als ob das noch nicht genug wäre, habe ich mich in der letzten Pause mit einem Mitschüler unterhalten. Er war auch bei mir auf Station, aber in einer anderen Schichtgruppe, trotzdem haben wir immer mal zusammen gearbeitet und uns dabei auch besser kennengelernt als im ersten Schulblock, wo wir eigentlich nichts miteinander am Hut hatten. Er hat auch schon gemerkt, dass irgendwas mit mir nicht so ganz stimmt und hat es sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden was das ist. Er hat mich oft gefragt, wie es mir geht und hat immer erkannt, wenn ich gelogen habe. Einmal saßen wir zusammen draußen und haben geraucht, da fragte er mich auch wie es mir geht. Als ich mit "gut" antwortete hat er nur gefragt "und wie geht es dir wirklich" und ich war tief beeindruckt. Heute haben wir dann in der letzten Pause mit ein paar Mädchen über unsere Beziehungen und übers heiraten geredet und die Mädels fanden es ganz amüsant, dass ich so heiß darauf bin zu heiraten und waren erstaunt als ich sagte, dass ich entgegen der gängigen Erwartung in weiß heiraten möchte, nicht in schwarz. Die Jungs kamen währenddessen dazu und besagter Klassenkammerad war ganz erfreut über diese Aussage, weil er im Moment versucht mich dazu zu überreden mich heller zu kleiden. Als ich dann erzählt habe, dass ich schonamal just for fun nach Kleidern geschaut habe, haben wir uns diese zusammen angeguckt und er hat mich beraten, welches denn das schönste ist, während die Mädels uns nur angesehen haben, als wären wir bekloppt. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich erst 6 Monate mit meinem Freund zusammen bin und hat gefragt, wann ich denn denke, dass es soweit ist. Ich habe dann gesagt dass ich hoffe, dass Alex mir eher einen Antrag macht als mein Exfreund, der es nach fast vier Jahren nicht gemacht hat. Mein Klassenkammerad fragte dann, wieso ich nach so einer langen Beziehung nicht mehr mit meinem Exfreund zusammen bin. Ich habe ihm dann die Geschichte erzählt, was auch sehr aufwühlend für mich war. Daraufhin meinte er nur, dass das voll gemein meinem Exfreund gegenüber ist und dass mich schlecht fühlen sollte. Ich habe ihm dann entgegnet, dass er mir das nicht sagen braucht, weil ich mich deshalb sowieso immer schlecht fühle. Da ist er dann wieder umgeschwenkt auf die lustige Schiene und wollte von mir den Kleinenfingerschwur, dass ich nicht mit Alex gevögelt habe, während ich noch mit Sven zusammen war. Danach war ich im Unterricht super aufgewühlt und konnte kaum still sitzen bleiben. Bin alle fünf Minuten aufgestanden um auf Klo oder in die Küche oder sonstwohin zu gehen. Anspannungslevel 100 oder so. Ich brauche dringend irgendwelche wirksamen Skills, die ich unterwegs, wenn ich nicht zuhause bin anwenden kann, das habe ich heute besonders deutlich gespürt. Gut dass ich am Montag den nächsten Termin bei der Therapeutin habe, dann werde ich das nochmal aufgreifen.
So und jetzt werde ich mich mal fertig machen, denn Alex kommt mich gleich abholen, damit ich auf dem Hof seiner Eltern was mit seinem alten Motorrad fahren kann, ich freu mich schon wie bolle darauf. Bis dann ihr Lieben!

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