Hallo zusammen. Ich habe lange mit mir wegen dieses Posts gerungen, es gibt wieder ziemlich viel zu erzählen und ich weiß nicht so recht wo ich anfangen soll und habe ehrlich gesagt auch Angst davor das alles wieder aufzuwühlen, aber ich schleppe es ja doch nur mit mir rum, also here we go. Ich knüpfe mal an meinen letzten Post an. Also ja, ich war auf dem Hof von Alex Eltern Motorrad fahren, nur leider nicht lange, weil ich mich ziemlich schnell mit dem Ding auf die Schnauze gelegt habe, was mir einige blaue Flecke gebracht hat, sonst ist zum Glück nichts passiert. Dann kam am nächsten Tag das Schützenfest. Kennt ihr diese Ereignisse, bei denen ihr das Gefühl habt, dass seitdem euer Leben in ein davor und in ein danach unterteilt ist, weil es so einschneidend war? Genau das Gefühl habe ich jetzt, wenn ich an das Fest zurück denke. Es hätte alles so einfach werden können und sollen, aber es ist absolut eskaliert. Wir saßen am Tisch, haben Wein getrunken und irgendwann bin ich mit Alex aus dem Zelt gegangen, weil ich gemerkt habe, dass ich mich unwohl fühlte und super angespannt war. Wir konnten aber leider nicht lange draußen bleiben, weil auf einmal das Programm total schnell durchgezogen werden sollte und man danach uneingeschränkt feiern können sollte. Ich war damit ein wenig überfordert und irgendwie total unzufrieden. Eigentlich wollte Alex vor den Ehrentänzen nochmal mit mir auf die Tanzfläche gegangen sein, damit ich die Schritte nochmal über kann, dazu war aber keine Zeit mehr und ich habe es dann nicht richtig hinbekommen zu tanzen, was für mich wieder richtig schlimm war. Trotzdem war ich froh, als das Programm vorbei war und habe dann vorgeschlagen nach draußen an die Bar zu gehen, weil es dort auch Bier gab und ich keine Lust mehr auf Wein hatte. Dort ging es mir eigentlich wieder besser, wir haben uns nett unterhalten, ich war froh raus aus diesem Zelt zu sein und hätte eigentlich nicht mehr unter Druck stehen sollen. Und dann erinnere ich mich an nichts mehr. Am Montag war Alex mit bei der Therapie und wir haben das zusammen erörtert. Die Therapeutin meint, dass ich einen dissoziativen Filmriss hatte. Das passiert, wenn die innere Anspannung eine kritische Grenze übersteigt, so wie ein Not-aus Schalter und das Bewusstsein gibt die Steuerung dann komplett ab. Sowas hatte ich bis dahin noch nie und sowas will ich auch nie mehr haben. Ich habe allen Leuten in meinem Umfeld Angst gemacht und als ich von Alex gehört habe, was ich alles gemacht habe, hatte ich selbst Angst. Was ich denn so gemacht habe? Mich fast vor das Auto von Alex Mutter geworfen. Seinen Bruder beleidigt und versucht ihm eine reinzuhauen. Alex, als er versucht hat mich zu beruhigen, geschlagen. Ihm gedroht, dass ich mir die Pulsadern aufschneide, wenn er am nächsten Tag zu seiner Veranstaltung gehen sollte. Das waren so die schlimmsten Sachen, die ich gemacht habe und an die ich keinerlei Erinnerungen mehr habe. Könnt ihr euch vorstellen wie beängstigend das ist. Zu hören, dass man so beschissene Sachen gemacht hat, in seinem Kopf zu kramen und nichts zu finden? Ich habe mich so geschämt, ich hatte Schuldgefühle bis zum geht nicht mehr und ich hatte Angst. Angst vor dem, was mit mir passieren kann und panische Angst davor, dass so etwas nochmal passieren könnte. Und seitdem fühlt sich nichts mehr so an wie früher. Ich habe mich seitdem nicht mehr getraut, Alex Familie unter die Augen zu treten, weil ich weiß dass ich ihnen eine Erklärung schulde, ich aber nicht weiß, wie ich ihnen die geben soll. Ich fühle mich noch viel überforderter als zuvor. Wie soll ich es denn schaffen irgendwann ein normales Leben zu führen? Ich will nicht mehr so sein. Auf meine Anspannung reagiere ich auch viel sensibler als früher. Was ja eigentlich gut ist, weil das bedeutet, dass ich mehr darauf achte, aber ich habe das Gefühl dass sich mein Leben nur noch darum dreht. Wenn ich merke, dass ich zu angespannt werde, fange ich sofort an zu weinen oder werde hysterisch. Ich versuche Alex nicht außen vor zu lassen, ihm zu sagen was ich fühle, aber mittlerweile kann ich es selbst nicht mehr hören. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht jammere. Und ich habe Angst. Ich habe wieder so viel Angst. Es ist jeden Tag eine Qual zur Arbeit zu gehen, weil ich Angst vor den Menschen dort habe. Auch bei freizeitlichen Aktivitäten, bei denen ich weiß dass ich mit anderen Menschen sprechen werde, rutscht mir schon vorher das Herz in die Hose. Am liebsten würde ich mich nur noch zuhause einsperren, nirgendwo mehr hingehen. Ich bin doch für andere sowieso nur noch eine Belastung, und eine Gefahr noch mit dazu. Was ist, wenn ich wieder ausraste und dann wirklich jemanden verletze? Die Angst und der Druck sind in den letzten Wochen meine ständigen Begleiter, sie sind immer in meinem Kopf und ich wünschte sie würden endlich Ruhe geben. Das ist doch scheiße bei allem immer erstmal überprüfen zu müssen, ob mein Kopf das mitmacht, oder ob ich wieder zur Gefahr werden könnte. Zu überprüfen, ob es eine Möglichkeit gäbe, mich rechtzeitig zurückzuziehen, oder ob ich der Situation dann ausgeliefert wäre, weil ich eben nicht weg kann, wenn ich muss. Glaubt mir, das ist so anstrengend geworden. Morgens, wenn ich aufstehe habe ich oft das Gefühl, dass meine Beine jeden Augenblick nachgeben, dass ich dann einfach zusammenklappe, weil ich das alles nicht mehr tragen kann. Weil es zu viel zu viel zu viel wird. Ich bin nicht stark genug. Aber irgendwie schaffe ich es dann doch stehen zu bleiben, zu gehen, zu funktionieren.
Soviel dazu. Ich kann mich einfach noch nicht davon losreißen, was da passiert ist. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich nie nur negatives. Kurz nach dem Schützenfest haben Alex und ich ein Wochenende in Amsterdam verbracht, das echt wunderschön war und mich ein wenig aufatmen ließ. Es tat so gut mal für ein paar Tage weg von allem zu sein, was mich hier belastet und mich einfach mal entspannen zu können. Wir sind freitags angekommen, hatten ein kleines süßes Apartment in einem Vorort von Amsterdam. Es war wunderschön dort. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Coffee Shop. Alex hat ein paar Joints gedreht und tatsächlich am ersten Abend mit mir zusammen geraucht. Dabei ist es aber geblieben, weil ihm die Wirkung nicht so zugesagt hat, aber ich habe mir noch den ein oder anderen Joint genehmigt und war glücklich über die entspannende Wirkung. Am ersten Abend haben wir sonst nur ein bisschen den Ort erkundet, waren einkaufen und sind am Seeufer spazieren gegangen. Am nächsten Tag sind wir dann nach Amsterdam rein gefahren, waren im Body Worlds und in der Ice Bar, was beides super cool war. Die Stadt ist so schön und es war so aufregend, sich alles anzusehen. Natürlich hat die Zeit nicht für alles gereicht, aber ich möchte unbedingt nochmal dahin und mehr von dieser schönen Stadt sehen. Am Sonntag waren wir dann noch was in der Stadt bummeln und ich habe zum ersten Mal einen Sexshop von innen gesehen. Hab es mir zwar cooler vorgestellt als es war, bin aber trotzdem froh diese Erfahrung nun gemacht zu haben. Am Sonntag Abend mussten wir auch schon wieder heim, weil ich am nächsten Tag wieder zur Schule musste. Danach ging es mir auch noch ein paar Tage besser, diese Auszeit tat wirklich wirklich gut. Bergab geht es jetzt wieder, seit die Schule vorbei ist und ich wieder arbeiten muss. Das ist jetzt die zweite Woche. Mit den Zeiten komme ich noch immer nicht zurecht und der Kontakt zu den Patienten ist schwieriger als auf der alten Station. Aber am Dienstag und am Donnerstag hatte ich frei und Alex und ich haben uns ein paar schöne Tage gemacht. Am Dienstag waren wir schwimmen, das hat Spaß gemacht und mich gut ausgepowert und gestern waren wir in Mönchengladbach. Zum ersten Mal Plasma spenden. Das ist ähnlich wie Blutspenden, nur dass da bestimmte Teile aus dem Blut gefiltert werden und der Rest wieder zurück in die Vene fließt. Blutspenden durfte ich ja nie, aber die Plasmasspende hat nun endlich funktioniert und ich war so glücklich darüber, ich habe mich fast high gefühlt danach. Anschließend sind wir noch durchs Minto gebummelt und waren im bunten Garten spazieren. Es ist so schön wenn jemand da ist, wenn ich unter der Woche frei habe. Sonst müssen immer alle arbeiten, aber Alex hatte auch frei, das war so wundervoll. Sonst sitze ich nur hier rum und ärgere mich darüber, nichts von meinen freien Tagen zu haben, weil ja jeder arbeiten muss und am Wochenende muss ich dann arbeiten und man hatte nie wirklich Zeit füreinander. Jetzt aber stört es mich viel weniger, dass ich das Wochenende arbeiten muss, denn wir haben unser Wochenende ja quasi vorgezogen und was schönes unternommen. Gleich muss ich auch zur Spätschicht, muss heute bis 9 bleiben, was natürlich ziemlich blöd ist, aber naja. Bis nächsten Freitag muss ich dann durcharbeiten, dann habe ich wieder ein Wochenende frei. Das wird anstrengend, aber ich weiß, dass es nicht so anstrengend wird wie ich mir ausmale. Der gestrige Tag hat mir wieder richtig viel Kraft gegeben und ich hoffe wirklich, dass die Zuversicht, die ich im Moment aufbringen kann, endlich mal bleibt und nicht in ein paar Stunden wieder vergessen ist. Ich kann nicht mehr so weiter machen wie bisher, ich will mein Leben endlich geordnet kriegen. Ich brauche eine Struktur, auf die ich mich verlassen und an der ich mich orientieren und halten kann. Das ist nur leider schwerer als es klingt. Solange ich noch bei meinem Vater bin bekomme ich keine Struktur in mein Leben, das habe ich mittlerweile eingesehen. Aber ich bin es auch leid immer monatelang alles auszusitzen, bis ich die Möglichkeit habe, etwas zu ändern. Das war vor einem Jahr genauso, als Sven und ich beschlossen haben, nicht mehr zu studieren. Als mir die Freiheit genommen wurde, mein Leben so zu organisieren, wie ich es für richtig halte. Plötzlich musste ich wieder Kontakt zu Familienangehörigen haben, die mir nicht gut tun und von denen ich mich ferngehalten hatte. Musste mich selbst mit meiner Nahrungsaufnahme nach meinem Vater richten und musste meinen Schlaf danach ausrichten, wann er morgens Krach macht. Damals hieß es auch, aushalten, bis wir eine neue Wohnung hatten. Monat um Monat verging, ich habe mich immer mehr gequält, weil ich etwas ändern wollte, aber daheim nicht die Möglichkeit dazu. Aus der Übergangslösung sind jetzt 10 Monate geworden, die ich nun wieder bei meinem Vater bin. Gut, es konnte ja keiner ahnen, dass ich mein ganzes Leben einmal auf den Kopf stelle und quasi wieder bei null anfange und so ist es sicherlich die beste und vernünftigste Lösung, dass ich noch bis Ende des Jahres hier bleibe. Vernunft ändert aber nichts daran, dass das für mich sehr anstrengend ist und dass das hier einfach nicht die Umgebung ist, in der ich gesund werden kann. Mir bleibt nichts anderes als das aussitzen, das aber macht mich fertig, es ist ein Teufelskreis :D.
Naja, wie dem auch sei, trotzdem muss ich gleich zur Arbeit und es muss irgendwie alles weiter gehen, wenn auch in letzter Zeit sehr schleppend. Ich hoffe euch da draußen geht es besser und ihr könnt gleich in ein schönes, entspanntes Wochenende starten. Bis dann meine Lieben!
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