Frohes neues Jahr meine Lieben. Ist zwar schon etwas spät dafür, aber egal, ich hab es im Januar einfach nicht geschafft, mir die Zeit zu nehmen was zu schreiben. Silvester konnte ich noch ganz entspannt mit meinem Freund verbringen, aber danach ging es wieder los mit arbeiten. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mich auf meine praktische Prüfung vorzubereiten. Diese lief auch ganz gut schätze ich. Bekomme das Ergebnis erst Ende März, aber habe von meinem Lehrer die Andeutung bekommen, dass es gut war und auch von anderen Mitarbeitern in der Klinik im Vertrauen gesagt bekommen, dass ich gut abgeschnitten habe. Das darf ich natürlich offiziell nicht wissen.
Dann war ich vor 3 Wochen ja probearbeiten. Das war okay, ich hatte gemischte Gefühle. Es waren alle sehr nett zu mir und mit den Krankheitsbildern werde ich denke ich auch kein Problem haben. Allerdings bekomme ich dort keine Dauernachtwachenstelle, was natürlich ziemlich doof ist für meine Pläne nach dem Examen. Wobei ich noch gar nicht so genau weiß, wie diese eigentlich aussehen. Also klar, ich will Psychologie studieren, damit ich nicht den Rest meines Lebens im Schichtdienst hänge. Ich weiß nur noch nicht ob ich das als Fernstudium mache oder doch an ner normalen Uni, wie lange ich dann an ner normalen Uni auf meine Zulassung warten müsste, wegen des NCs. Keine Ahnung, das überfordert mich. Ich habe trotzdem erstmal für die Station zugesagt, damit ich auf jeden Fall für den Anfang ne Stelle habe. Aber dann kam die nächste Verunsicherung. Ich habe die letzten 4 Dienste dieses Einsatzes auf einer anderen Station verbracht, weil die jemanden gesucht haben, der in der Nachtwache einspringt. Da sage ich natürlich nicht nein. Auf der Station war ich auch ganz am Anfang der Ausbildung schonmal, Alkoholentzugsstation. Damals hatte es mir eigentlich ganz gut da gefallen, bis es zu einer Auseinandersetzung mit der Pflegedienstleitung der Abteilung kam. Seitdem war für mich eigentlich klar, dass ich dort nie wieder hin wollte. Tja, und dann war ich letzte Woche wieder dort, nach fast 3 Jahren und habe 4 Nachtwachen gemacht. Und fand es super. Nachtdienst ist ja sowieso voll meins und ich kann einfach gut mit den Patienten und mit den meisten Leuten aus dem Team komme ich auch gut klar. Die die ich nicht mochte sind inzwischen in Rente, meine Lieblingskollegin ist jetzt stellvertretende Leitung und meine ganzen Pläne sind ins Wanken geraten. Denn die Stellvertretende Leitung hat mir gesagt, dass sie eine neue Dauernachtwache suchen und ich mich auf jeden Fall bewerben soll, dass sie mich gerne im Team hätten. Ich bin so verunsichert was ich machen soll. Ich wollte nie wieder ein Wort mit der Abteilungsleiterin sprechen, nachdem die mich damals zu unrecht so fertig gemacht hat. Aber ich hätte so gerne eine Nachtwachenstelle. Zumindest denke ich das. Lieber die ganze Zeit Nachtdienst als immer die Schichtwechsel zu haben. Und tagsüber schlafen kann ich auch gut, fühle mich danach viel besser als nach dem Frühdienst. Allerdings hat der Kollege mit dem ich Nachtdienst hatte mir gesagt, dass die Nächte sonst deutlich stressiger sind. Es waren nur wenige Patienten auf Station, weil das Team im Moment so scheiße besetzt ist, deshalb musste ich ja auch einspringen, und deshalb kamen nachts auch keine Aufnahmen, was wohl sonst auch schonmal passiert. Ich weiß überhaupt nicht, was ich jetzt machen soll oder was genau ich eigentlich will. Ich versuche größtenteils nicht darüber nachzudenken, weil es mich sonst wahnsinnig macht, aber irgendwann muss ich mich damit auseinandersetzen, sonst ist es zu spät. Morgen fahre ich zu meiner Psychologin, ich hoffe, dass sie mir helfen kann mich zu sortieren. Meine Stunden dort sind leider auch fast aufgebraucht, das macht mich ebenfalls ziemlich nervös. Auch wenn ich es weiterhin geschafft habe schnittfrei zu bleiben, ich fühle mich alles andere als stabil. Ich kann alles was mich belastet meistens ganz gut verdrängen, aber das ist ja auch keine Dauerlösung. Und wenn ich es mir gestatte, doch darüber nachzudenken habe ich sofort das Gefühl, in eine Krise zu rutschen. Es gibt so viele Sachen, die ich vor mir her schiebe, weil ich es mir nicht zutraue, mich damit zu beschäftigen. Die Frage, ob ich doch lieber auf die Suchtstation möchte. Dann hätte ich schon vor einem Monat einen Termin beim Amt machen müssen, weil ich noch was für mein Examen brauche. Aber da man nur telefonisch einen Termin vereinbaren kann und ich panische Angst vor Telefonaten habe, schiebe ich das vor mir her. Wenn ich das aber nicht bald mache ist es zu spät, weil die Dokumente dann nicht mehr rechtzeitig beim Gesundheitsamt vorliegen. Mit der Fahrschule müsste ich auch dringend telefonieren, weil meine praktischen Fahrstunden fürs Motorrad immer noch ausstehen. Ich habe im Mai die Theorieprüfung bestanden, das heißt ich habe nur noch bis Mai Zeit, bevor ich auch die Theorie wiederholen müsste. Die waren aber immer so unfreundlich zu mir und sind mir nie entgegen gekommen, ich habe solche Angst vor den Leuten in der Fahrschule. Die haben kein Verständnis dafür, dass ich aufgrund des Blockunterrichtes immer erst spontan weiß, wann ich kann, weil ich keine geregelten Arbeitszeiten habe. Und immer wenn ich Zeit habe heißt es, dass die nächsten Termine erst in mehreren Wochen frei sind. Für die Zeit kenne ich dann aber meinen Dienstplan nicht und wenn ich ihn dann habe sind die Termine auch schon alle weg und so hat sich das seit Mai durch ganz 2021 gezogen. Im November habe ich dann aufgegeben und mich einfach nicht mehr gemeldet, weil ich mich von denen total verarscht fühle. Wie schaffen andere Leute es nur, sich um all diese Angelegenheiten zu kümmern. Bewerbungsgespräche, Amt, Fahrschule. Das ist mir alles zu viel. Obwohl ich inzwischen schon seit 7 Jahren volljährig bin habe ich das Gefühl, einfach in das Erwachsenenleben reingeworfen geworden zu sein, niemand hat mir erklärt wie das funktioniert. Meine Mutter war schon 4 Jahre tot als ich volljährig geworden bin und mein Vater zu beschäftigt damit Alkoholiker zu sein. Meine Patentante kann mir nicht mehr in die Augen sehen, seit meine Mutter, ihre Schwester, gestorben ist und mein Patenonkel hat ab dem Tag an dem ich 18 geworden bin den Kontakt auch ziemlich einschlafen lassen, Wenn es hoch kommt haben wir uns in den letzten 7 Jahren 3x gesehen. Und jetzt stehe ich hier und fühle mich immer noch wie ein kleines Kind, um das sich niemand kümmert, obwohl es doch so dringend Hilfe braucht. Stattdessen bekomme ich immer noch Panikattacken bei jedem Termin, den ich telefonisch vereinbaren muss, breche jedes Mal in Tränen aus, wenn ein anderer Erwachsener nicht nett zu mir ist und habe dauerhaft das Gefühl, dass das alles gar nicht ich bin. Dass ich nur so tue als wäre ich erwachsen und hätte mein Leben im Griff. Und bei jedem Kontakt zu einem anderen Menschen nur darauf warte enttarnt zu werden. Auf der Arbeit. Beim Arzt. Bei den Schwiegereltern. Im Supermarkt. Überall fühle ich mich so, als würde ich nur eine Rolle spielen. Warte nur darauf, dass es jemand bemerkt, irgendwann muss ich doch auffliegen, oder nicht? Diesen Moment, diese Gefahr, sie ist allgegenwärtig in meinem Kopf und hält mich in jeder Sekunde, die ich in der Gegenwart eines anderen Menschen verbringe zurück. Vor den meisten Menschen bin ich alles, aber nicht ich selbst. Vor manchen schon etwas mehr, aber niemals vollkommen. Denn ich verstehe diese ganze Welt nicht. Und es fühlt sich so an, als würde ich das auch niemals tun. Eher sterbe ich vorher. Denn eine Bedienungsanleitung fürs Leben werde ich wohl kaum bekommen. Also werde ich Tag für Tag damit weiterleben, mit der Angst dass jemand merkt, wie mich die Unsicherheit bei jedem Atemzug begleitet.
Einer der Menschen, vor denen ich besser ich selbst sein kann, ist mein Kurskumpel. Er war gestern zu Besuch bei mir, wir haben den ganzen Nachmittag geredet und zwischendurch ein bisschen Quatsch gemacht. Das tat unglaublich gut. Ich versuche so gut ich kann, vor ihm ich selbst zu sein, ihm zu zeigen, wer ich wirklich bin. Und er ist noch da, das ist unglaublich. Wir kennen uns jetzt fast 3 Jahre und er hat es tatsächlich geschafft, dass ich ihm fast uneingeschränkt vertraue. Dieses "fast" klingt so grausam einschränkend, aber das ist, abgesehen von meinem Freund, mehr als jeder andere Mensch von mir bekommt. Ich lasse ihn wirklich oft an meinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Das fällt mir immer noch super schwer, aber es fühlt sich richtig an. Er kann mich sogar mittlerweile in den Arm nehmen, ohne dass ich erstmal zusammenzucke. Ich bin unendlich dankbar dafür, einen so guten Freund gefunden zu haben. Denn auch wenn meine Ausbildung das eben beschriebene Gefühl des fake seins noch tausend mal verschlimmert hat, nur Dank der Ausbildung konnte ich ihn kennenlernen. Und das war jedes negative Gefühl der letzten 3 Jahre wert. Denn ich war mir einer Freundschaft selten so sicher wie bei dieser. Das ist in all der Überforderung mit meinem Leben die ich gerade empfinde ein wirklicher Trost.
Ab Donnerstag geht die Schule wieder los, ich freue mich natürlich darauf alle wieder zu sehen. Bis dahin habe ich noch frei und am Freitag feiert eine Freundin aus dem Kurs ihren Geburtstag nach, das wird mit Sicherheit auch ein schöner Abend. Ich werde versuchen mit dem Alkohol einen guten Mittelweg zu finden und Spaß zu haben. Denn ansonsten steht im Moment nur lernen an. In 3 Wochen habe ich schriftliche Abschlussprüfungen, 3 Klausuren, in denen alles abgefragt wird, was ich in den letzten 3 Jahren gelernt habe. Also denke ich mal, dass ich es vorher nicht mehr schaffe, mich zu melden. Also, drückt mir die Daumen! Wir hören uns danach wieder. Ich hoffe, euch geht es gut und ihr seid gut ins neue Jahr gekommen, habt einen schönen ersten Monat verbracht. Der Februar ist der Monat der Liebe, erinnert euch daran, dass das Selbstliebe mit einschließt. Also nutzt die Zeit und tut euch selber auch etwas gutes. Denn eines müsst ihr euch vor Augen halten: Selbstfürsorge ist nichts egoistisches.
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