Mittwoch, 26. Oktober 2022

 Fuuuuck ist das lange her, seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Vielleicht weil sich nicht wirklich was geändert hat. Ich leide immer noch darunter, meine Freunde selten bis gar nicht zu sehen und die Arbeit kotzt mich weiter an. Ich habe weiterhin regelmäßig Suizidgedanken und hab keine Ahnung, wie ich aus dieser Scheiße wieder rauskommen soll. Toll, jetzt sind wir alle wieder up to date. Deshalb erzähle ich euch heute mal etwas über die Dinge, die mein Leben in den letzten Monaten doch mal abwechslungsreich gemacht haben. Da hätten wir zum einen das Schützenfest bei mir im Dorf. Ich hatte eigentlich nie groß was damit am Hut, aber mein Freund ist in der Bruderschaft ja sehr aktiv. Bisher war ich mit ihm ja immer nur auf auswärtigen Schützenfeste, aber im August war dann unser eigenes. Ich durfte mir schöne Kleider kaufen mit passenden Highheels dazu kaufen und habe mal ein paar Leute aus dem Dorf und aus Alex Familie besser kennengelernt. Erst eine Woche Vorbereitungen treffen und dann 4 Tage lang feiern. Schick machen, tanzen und viel Spaß. Einen Abend waren sogar 2 Freundinnen aus der Krankenpflegeschule da und an einem anderen Tag war mein Vater mit dabei. Ich habe mich sogar gut mit Alex Bruder verstanden, wir haben zusammen getrunken, getanzt und als er volltrunken von seiner Frau sitzen gelassen wurde hab ich ihn nach hause gebracht, mein Vater hat geholfen. Was für eine ungewöhnliche Situation. 

Nach dem Schützenfest sind Alex und ich ein paar Tage in den Urlaub gefahren. Eigentlich wollten wir ein paar Tage nach Mallorca fliegen, aber weil an den Flughäfen alles so drunter und drüber ging haben wir uns stattdessen dafür entschieden, mit dem Auto in den Harz zu fahren. Dort waren wir wandern und schön essen und haben ein Wildkatzengehege besucht. Ich war im Harzdrenalin, dort gab es eine Hängebrücke über dem Tal, von da aus konnte man gesichert runter springen und sich dann da durch das Tal schwingen lassen, das war total cool. Dann gab es da noch einen Aussichtsturm, in dem mal wie in einem Freefalltower hochgezogen und runtergefahren ist, nur halt immer nur eine Person. Die Wände waren fast alle durchsichtig, sodass man eine echt wundervolle Aussicht hatte. Das hat ja so viel Spaß gemacht, eine tolle Erfahrung auf jeden Fall. 

Dann war ich Ende September auf einem Ehemaligentreffen meiner alten Schule, auf der ich Abitur gemacht habe. Es war wunderschön aber auch traurig zugleich. Ich hab es genossen ein paar Leute von früher wiederzusehen und mich mit ihnen zu unterhalten. Eine gute Freundin aus meiner alten Klasse war da (Hannah, für die die sie noch kennen). Wir haben uns ausgetauscht darüber was seit der Schulzeit so passiert ist. Wie zu den meisten Freunden von früher hatte ich auch zu ihr seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sie hat mir auch erzählt, warum wir uns aus den Augen verloren haben. Weil es sie fertig gemacht hat mir dabei zuzusehen, wie ich mich selbst zerstöre. Im ersten Moment klang das schlimm für mich, weil es sich angefühlt hat, als hätte sie mich im Stich gelassen. Aber nachdem ich den ersten Schock darüber überwunden hatte muss ich sagen, ich kann das verstehen. Ich war damals im unaufhaltsamen Sturzflug, Hannah hätte nichts dagegen tun können, deshalb bin ich froh, dass sie auf sich aufgepasst hat.

Auf dem Ehemaligentreffen habe ich auch noch einen anderen Klassenkameraden von mir wiedergetroffen, er hatte damals auch ein Physikstudium begonnen und ist ähnlich wie ich abgekackt. Wir haben uns immer gut verstanden, hatten aber nie eine tiefere Beziehung zueinander. Dann war natürlich auch mein Exfreund Sven da und das war wirklich merkwürdig. Ich weiß, dass das alles meine Schuld war, was zwischen uns passiert ist und dass ich diejednige war, die es nicht geschafft hat auch nach unserer Trennung den Kontakt zu halten. Trotzdem war es merkwürdig. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen, er hat mich mit einem freundschaftlichem Händedruck begrüßt und war in Begleitung (seine neue Freundin vielleicht, aber keine Ahnung, wir wurden einander nicht vorgestellt). Ansonsten waren zwar noch ein paar Leute aus meiner alten Stufe da, aber niemand mit dem ich mich unterhalten habe, weil das alles Leute waren, mit denen ich auch damals nichts am Hut hatte. Aber mit ein paar Lehrern habe ich noch gesprochen. Meine alte Deutsch- und Lateinlehrerin hat mich wiedererkannt und wir haben uns nett unterhalten. Und natürlich mein alter Biolehrer, der mit dem ich damals zum ersten Mal laut über den sexuellen Missbrauch gesprochen habe. Es hat mich sehr gefreut, dass er da war, ich hatte ihn in der Schule wirklich gerne und er hat mir sehr geholfen. Ich habe nie versucht, den Kontakt zu halten oder wieder aufzubauen, weil ich dachte, ich hätte den armen Mann genug belästigt. Umso mehr hat es mich gefreut, an dem Abend ein paar Bierchen mit ihm zu trinken und in Erinnerungen zu schwelgen. 

Dieser Abend hat mir noch einige Wochen zugesetzt. Sobald ich das Schulgelände betreten hatte, habe ich mich gefühlt wie damals mit 16, 17 Jahren. Ich hatte sofort das Bedürfnis mich zu betrinken und mich auf der Schultoilette zu ritzen. Mich betrunken habe ich an dem Abend auch, geritzt nicht. Stattdessen habe ich mir nen Notfalljoint auf dem Schulhof geraucht. Es war wunderschön und schrecklich zugleich. Es hat sich toll angefühlt, wieder bekannte Gesichter um mich zu haben, Leute die ich schon so lange kenne. Aber ich konnte eben auch die Abwärtsspirale spüren, in der ich damals war und die mich beinahe umgebracht hätte. Ich habe in den Tagen und Wochen danach an nichts anderes gedacht als an dieses Ehemaligentreffen und an meine Schulzeit. Daran, dass ich mich sowohl an der Gesamtschule und an der Krankenpflegeschule wegen der Menschen, die ich dort kannte so wohl gefühlt habe, und auch wenn es mir oft nicht gut ging, ich hatte in beiden Fällen Angst davor, dass diese Zeit enden würde, weil ich die Menschen, die ich dort um mich herum hatte nicht verlieren wollte. Und während ich so darüber nachgedacht habe ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass genau das passiert ist. Mit den Leuten, die mir die Welt bedeutet haben, habe ich nach dem Abitur immer weniger Kontakt gehabt. Am Anfang hat man sich noch häufig gesehen und geschrieben, doch mit der Zeit ist es immer weniger geworden. Vielleicht hatte ich deshalb an der Krankenpflegeschule immer die Angst davor, dass die Schulzeit dort vorbei ist. Und ich hatte recht, denn genau das passiert. 2 Freundinnen aus der Ausbildung habe ich noch ein paar Mal gesehen, zum Rest habe ich so gut wie keinen Kontakt mehr. Mit Richard schreibe ich noch, aber wir haben es nicht einmal hinbekommen uns zu sehen, was mich unglaublich traurig macht. Das mit ihm war für mich eine ganz besondere Freundschaft, die Leute um uns herum haben uns für Seelenverwandte oder sowas gehalten...wenn sie nicht gerade dachten wir wären ein Pärchen :D . Und jetzt weiß ich nicht, ob das überhaupt noch eine Freundschaft ist, ich traue mich gar nicht danach zu fragen, weil ich nicht nerven will und weil ich Angst habe, dass er mir dann die Bestätigung gibt, dass er eigentlich nichts mehr mit mir zu tun haben will. Dann lieber ein bisschen Kontakt als gar keiner. Ich weiß, das ist für keinen von uns fair, aber nachdem ich mir die letzten Wochen vor Augen geführt habe, was ich in den letzten Jahren alles verloren habe glaube ich nicht, dass ich gerade einen weiteren Verlust verkraften könnte. 

Tja, was sonst noch? Ich habe mir ein neues Tattoo stechen lassen, eine Spieralgalaxie auf meinem linken Schulterblatt. Ich habe mich kurz nach dem Ehemaligentreffen mit Sophie getroffen und ihren Freund kennengelernt, wir hatten einen sehr schönen Abend zusammen. Sophies Leben fasziniert mich irgendwie. Während ich immer das Gefühl habe in einem Alltagstrott aus Eintönigkeit festzustecken scheint ihr Leben immer so abwechslungsreich und aufregend. Ich liebe es, ihr einfach nur zuzuhören, sie hat immer etwas spannendes zu erzählen. Aber auch wenn ich ihren Lebensstil irgendwie bewundere glaube ich nicht, dass ich das könnte. Ich war noch nie ein spontaner Mensch und brauche für meine geistige Gesundheit ein Mindestmaß an Struktur, was wahrscheinlich ziemlich hoch ist im Vergleich zu anderen :D

Aber damit ich mal etwas Abwechslung bekomme, habe ich für das erste Dezemberwochenende die Teilnahme an einem Meditationsretreat gebucht. Ich bin sehr gespannt darauf. Ich hoffe, dort die Auszeit zu finden die ich brauche, um herauszufinden was ich sonst noch brauche, um Frieden mit mir selbst zu schließen. Klingt das plausibel? Ich glaube nicht. Aber ich werde dann von meinen Erkenntnissen berichten, vielleicht macht das die Sache etwas klarer. Bis dahin passt gut auf euch auf. Bis dann meine Lieben!

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