Mittwoch, 23. November 2022

Hallöchen meine Lieben! Nicht zu fassen, ich melde mich noch vor dem Meditationsretreat wieder bei euch. Wahnsinn! Ich hatte einfach das Bedürfnis dazu, irgendwas zu schreiben. Das habe ich in den letzten Tagen wieder mehr, Lust zu schreiben. Was eigentlich ein gutes Zeichen ist, immerhin habe ich überhaupt mal wieder Lust IRGENDWAS zu machen. Das Problem dabei ist nur, dass ich dringend einen neuen Laptop brauche, weil meiner ein einziger Bug ist, ständig hängt er sich auf, oder braucht ne Stunde um ein Programm zu öffnen. Wenn ich Lust habe was zu schreiben, aber der Laptop erstmal ne Stunde zum Hochfahren braucht und es dann eine weitere Stunde dauert, bis mein Schreibprogramm startklar ist, dann ist das ein richtiger Killer für meine Inspiration. Ich schau mich schon nach etwas neuem um, aber da ich nicht besonders viel Ahnung von Technik habe dauert das ein wenig. Natürlich könnte ich auch in Notizbücher schreiben, aber irgendwie gehörte das für mich so mit zum Unterricht dazu, dass Notizbücher mich mittlerweile nur noch daran erinnern wie sehr mir die Schule fehlt. Das habe ich schon immer gemacht, während des Unterrichts in Notizbüchern meine Gedanken aufzuschreiben, egal ob Gesamtschule, Uni oder Krankenpflegeschule. Klingt unlogisch, aber das hat mir geholfen, mich zu konzentrieren, weil ich dabei das durcheinander in meinem Kopf ordnen konnte und so die Möglichkeit geschaffen habe, Lernstoff aufnehmen zu können. Ich habe immer so gerne geschrieben, habe es geliebt mir neue Notizbücher in den verschiedensten Einbänden zu kaufen und zu füllen und jetzt macht es mich nur noch traurig in ein Notizbuch zu  blicken. Und die Tatsache, dass mich das traurig macht, macht mich auch traurig und auch ein bisschen wütend auf mich selbst. Es ist, als ob ich danach suchen würde unglücklich zu sein. Den Vorwurf haben mir im Laufe meines Lebens ein paar Leute gemacht und ich verstehe, dass es manchmal wirklich so aussieht. Als würde ich aktiv zu viel in manche Dinge hineininterpretieren, nur um einen Grund zu haben, mich schlecht zu fühlen. Glaubt mir, aktiv mache ich das bestimmt nicht. Aber ich habe in den letzten Jahren erkannt, dass ich mich an viele Sachen klammere, die mich eigentlich unglücklich machen. Weil der Schmerz die letzte Verbindung zu dem ist, was man verloren hat. Und ich würde lieber den Rest meines Lebens vor mich hin leiden, als auch nur eine von diesen Verbindungen zu trennen. Obwohl ich weiß, dass das die gesündere Alternative wäre. Es würde eine Weile wehtun und dann heilen. Aber ich habe solche Angst davor, auch nur eine von meinen Erinnerungen zu verlieren, dass ich sie mir im Geiste ständig vor Augen halte. Und es sind so unglaublich viele. Manche von ihnen verblassen trotzdem. Umso stärker halte ich an den anderen fest. Ich will nicht vergessen wie die Stimme meiner Mutter klang. Oder wie das Pafum meiner Oma roch. Die Namen die meine Mutter meinen 200 verschiedenen Plüschkatzen gegeben hat. Wie es war in der Scheune meiner Oma zu spielen, auf Strohballen zu klettern, mit den Katzen zu kuscheln und zum Abschluss des Tages Omas selbstgemachte Waffeln zu essen. Die Einkaufsbummel mit Mama und meiner Patentante, als wir alle noch eine Familie waren. Die letzte Umarmung von Nicole, bevor sie sich 2 Tage später das Leben nahm. Mit Dean bekifft vor dem Zelt liegen und kuschelnd den Sternenhimmel betrachten. Mit Sven zusammen raus in die weite Welt ziehen, unsere erste eigene Wohnung mieten, studieren. Die wundervollen Menschen die ich in Bonn kennengelernt habe. Die Mädelsabende, die wir früher jeden Freitag machten. Mein Trainer, der mich vom Rand aus anfeuert und mit mir gemeinsam zum Zielsprint ansetzt, um mich zu motivieren. 

Jede dieser Erinnerungen an sich ist eigentlich etwas sehr schönes. Meine Mama war der wundervollste Mensch, den ich jemals kennenlernen durfte. Meine Omas waren so unterschiedlich, doch beide immer darauf bedacht, dass wir eine schöne Zeit zusammen haben. Ich hatte einen wundervollen Freundeskreis mit Freunden, bei denen ich das Gefühl hatte, unser Band wird stärker, je länger wir uns kennen. Bis es irgendwann einfach gerissen ist. Ich hatte auch schöne Beziehungen, die mir viel gegeben haben, doch auch diese waren nicht für die Ewigkeit bestimmt. Ich hatte sogar Hobbies in denen ich aufgegangen bin, Menschen die mich gefördert haben. Ja, all diese Erinnerungen sind wunderschön, aber es bringt mich um, dass sie vorbei sind. Mir ist bewusst, dass das nunmal der Lauf der Dinge ist. Man lernt sich kennen, hat eine schöne Zeit zusammen und irgendwann trennen sich die Wege wieder. Weil man sich unterschiedlich entwickelt, andere Schwerpunkte im Leben setzt, weil einer weg zieht oder einer stirbt. Irgendwann endet jede Beziehung und das weiß ich auch, trotzdem will ich sie nicht loslassen. Wir hatten in der Krankenpflegeschule ein Sterbeseminar und die Leiterin hat jeden von uns gefragt, ob er in der Vergangenheit, Zukunft, oder Gegenwart lebt. Erschreckend viele meiner Mitschüler antworteten wie ich: Vergangenheit. Damals ist mir erst bewusst geworden, dass ich mehr Zeit damit verbringe, an dem festzuhalten was mal war, als mich auf das zu konzentrieren, was um mich herum gerade passiert. Und ich frage mich, an welchem Punkt in meinem Leben ich so geworden bin. Ich weiß, dass ich in meinem Leben viel Zeit damit verbracht habe, mich mies zu fühlen und dass es auch genug Anlass dazu gab. Aber wenn ich so zurückblicke dann gab es tatsächlich eine Zeit, in der ich gut in der Gegenwart leben konnte. Es fing so mit 16 oder 17 an, als meine Freunde und ich unabhängiger von unseren Eltern wurden und abends viel Zeit zusammen verbracht haben. Als wir aufgehört haben, uns hinter unseren Fassaden zu verstecken und ehrlich miteinander waren. Ich hatte das Gefühl, gut integriert zu sein in meinen Freundeskreis, im Sportverein und in meiner Gitarrengruppe. Das war früher nie so, ich habe mich eigentlich mein ganzes Leben lang überall anders und fehl am Platz gefühlt, aber endlich hatte ich das Gefühl einer gewissen Integrität. Dann kam Doc, in seiner Gegenwart war ich auch immer auf das hier und jetzt fokussiert. Selbst als die Flashbacks begannen und mir den Boden unter den Füßen weggerissen haben, war ich so integriert, dass viele Leute versucht haben mir zu helfen. Ich war ehrlich zu meinen Freunden, habe mich einem Lehrer anvertraut und in der Therapie mitgearbeitet. Dann kam Sven und hat mich langsam zurück ins Leben geführt. Und dann fing irgendwann wieder alles an einzustürzen. Freunde wollten, dass ich mich zwischen Freundschaft und Beziehung entscheide. Durch meine Knieverletzung musste ich mit Leichtathletik aufhören und als ich nach Bonn gezogen bin, hatte sich das mit dem Gitarrenverein auch erledigt. Sven war in dieser Zeit meine einzige Konstante, was auf Dauer auch nicht gut für eine Beziehung ist. In Bonn bin ich nie ganz angekommen, ich hatte zwar Leute kennengelernt mit denen ich mich gut verstanden habe, aber wir haben so gut wie nie außerhalb der Uni was zusammen gemacht. Dann ist ein Freund von Sven gestorben. Dann ist Sven vom kiffen krank geworden. Dann ist eine Freundin von mir gestorben. Wir haben unser Studium abgebrochen und die einzige Konstante in meinem Leben brach immer weiter ein, denn nichts war mehr konstant. Ich hatte keinen Halt mehr, keinen Freundeskreis der mir hätte Rückhalt geben können, keine Hobbies auf die ich mich konzentrieren konnte, nicht mal mehr mein Studium, der einzige Plan den ich jemals für mein Leben hatte. Meine Beziehung stand auf dem Kopf, es fühlte sich an als wäre nichts mehr so wie es sein sollte. Und ich glaube von dieser Achterbahnfahrt habe ich mich nie wirklich erholt. Statt mich damals damit auseinanderzusetzen wie es mir ging und was ich daran machen könnte habe ich den Resetknopf gedrückt und einfach alles anders gemacht. Neue Beziehung, neuer Job, neue Freunde. Nur dass ich es nie geschafft habe, dort irgendeine Art von Struktur reinzubringen. Ich wollte wieder so einen Freundeskreis haben wie vor dem Studium, vor meinen Beziehungen, doch musste feststellen, dass das in der Erwachsenenwelt nicht möglich ist. Zumindest nicht, wenn man bei 0 anfängt. Die meisten Leute hatten ja schon einen Freundeskreis und der geht vor, wenn man wie wir im Schichtdienst arbeitet und es schwer genug ist in diesem Job Freundschaften zu pflegen. 

Ich habe das Gefühl, dass ich alles falsch gemacht habe. Als ich noch mit Sven zusammen war habe ich gedacht ich brächte keine Freunde, ich hatte ja ihn. Mit diesem Gedanken habe ich mich für die Pflegeausbildung entschieden, weil ich hatte ja kein Privatleben, auf das ich dafür hätte verzichten müssen und ich habe auch gedacht, dass es außer Frage steht, dass ich mir das jemals wieder wünschen würde. Dann bin ich mit Alex zusammengekommen und mir ist klar geworden, dass genau das die Beziehung zu Sven zerstört hatte: Dass wir immer nur aufeinander gehockt haben und beide viel zu sehr voneinander abhängig waren. Dann habe ich während der Ausbildung so viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich mir das Konzept von Freundschaft wieder vorstellen konnte. Aber dann ist da jetzt mein toller Job, der mir kaum erlaubt so etwas wie ein Privatleben zu haben. Also hänge ich jetzt hier und verbringe die meiste Zeit alleine, schwelge in meinen Erinnerungen und frage mich, wo ich in meinem Leben falsch abgebogen bin. Damit will ich auf keinen Fall die Dinge schlecht machen, die ich habe. Ich liebe Alex und ich will den Rest meines Lebens mit ihm verbringen. Und ich bin froh, dass ich nach der Ausbildung eine gute Stelle bekommen habe und genug Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Und ich bin dankbar für die Freundschaften in meinem Leben, egal ob alte Freunde zu denen sich der Kontakt wieder aufgebaut hat, oder neue Freunde, mit denen ich mich erst noch einspielen muss. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Puzzleteile die ich in der Hand halte nicht zusammenpassen und niemals ein vollständiges Bild ergeben werden. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich keine Ahnung habe, welches Bild ich mir für meine Zukunft wünsche. Es gibt noch so vieles, über das ich mir klar werden muss, was ich vor mir her schiebe, seit ich diesen Resetknopf gedrückt habe, ich weiß nur immer noch nicht wo ich anfangen soll. Es ist, als wäre meine Welt aus Glas gewesen und ich hätte sie mit einem Vorschlaghammer kurz und klein geschlagen. Und jetzt versuche ich aus dem Scherbenmeer eine neue Welt aufzubauen. Ich weiß, dass ich zu viel Schaden angerichtet habe, um wieder die Ursprungswelt zu bauen, doch mein Blick geht immer wieder zurück, um Orientierung im Vertrauten zu finden. Doch ich werde niemals eine Welt, meine Welt, bauen können, wenn ich mich nicht damit befasse, wohin sie mich bringen soll. Ich kann mir keine Zukunft ausmalen, realistisch, wenn sich in meinem Kopf nur ein Puzzle aus Teilen zusammensetzt, die gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich bekomme keine Welt, in der meine Mama noch lebt, in der Nicole nicht vor einen Zug gesprungen ist, in der ich auch als Erwachsene noch auf dem Hof meiner Oma spielen kann. Ich bekomme auch meine Mädelsclique nicht zurück, es wird keine Kochabende mit ihnen mehr geben, keinen Serienmarathon oder Kneipenabend. Mein Knie wird auch nicht auf wundersame Weise wieder Leistungssport machen können und ich werde nicht plötzlich gut genug für ein Physikstudium. Aber anstatt das zu akzeptieren und mich auf die Puzzleteile zu konzentrieren die mir zur Verfügung stehen verkrieche ich mich in meinem Kopf, kümmere mich einen Scheißdreck um meine Gegenwart, geschweige denn um meine Zukunft, und erinnere mich daran, wie es einmal war. Verherrliche die Dinge von Früher, wünsche mich zurück. Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann war es früher auch nicht besser. Überall in meiner Familie waren alkoholabhängige Choleriker, mein Onkel hat mich jahrelang missbraucht, sodass ich meine gesamt Kindheit damit verbracht habe mich möglichst unsichtbar zu machen, damit mir niemand wehtut. Dadurch durfte ich mir dann immer von allen Seiten anhören, dass ich zu still bin, ständig hatte jemand etwas an mir zu meckern, nie war ich gut genug. Und dann ist auch noch der einzige Mensch, der mich nicht verändern wollte, der immer auf meiner Seite war und alles für mich getan hat, gestorben. Ich musste hilflos dabei zusehen, wie meine Mama verschwand und eine so unendliche Leere hinterließ, die ich bis heute mit nichts füllen kann. Meine Freunde verstanden nicht, was mit mir los war und meine Lehrer packten mich nur noch mit Samthandschuhen an, sodass ich genug Freiraum hatte, mich ungestört zu ritzen, zu besaufen und Drogen zu nehmen. Dann kamen die Flashbacks. Und dann begann die oben genannte Abwärtsspirale. Also welchem ach so tollen früher trauere ich eigentlich hinterher? Ich schätze, ich habe aus jeder dieser Zeiten die schönsten Erinnerungen genommen und zu einer großen schönen Welt zusammengefügt. Und jetzt rede ich mir ein, dass ich zu etwas zurück möchte, was auf diese Weise niemals existiert hat. 

Und nachdem ich jetzt 2 Stunden hier gesessen und versucht habe, meinen Problemen auf den Grund zu gehen ist die Lösung eigentlich ganz einfach. Und doch habe ich gleich wieder das Bedürfnis mich zu betäuben und anschließend schlafen zu gehen, damit ich mich bloß nicht damit beschäftigen muss. Ich bin so müde. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Und bin mir nichtmal sicher, ob ich anfangen will. 

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