Also langsam reicht es mir! Es pisst mich so unglaublich an. Dieser Ort, den ich mein Zuhause nennen soll. Pah!
Ich erinnert euch bestimmt, dass ich in den Herbstferien mit 2 Freundinnen die Wohnung aufgeräumt hab oder? 8 Stunden haben wir gebraucht und waren trotzdem nicht komplett fertig. Aber es sah viel besser aus. Bis zum Urlaub. Der Urlaub war so toll, ich möchte wieder zurück. Es ist so schön, wenn man selbstständig sein kann. Als wir zurück gekommen sind, hatte ich viel Arbeit, wieder alles aufzuräumen. Seit dem wird es von Woche zu Woche schlimmer. Ich putze so gut ich kann, aber wenn ich Papas Zeug wegräume schreit er mich an. Wenn ich ihn bitte das aufzuräumen, schreit er mich an. Eigentlich schreit er mich nur noch an. Manchmal glaube ich, er weiß was ich euch erzählt habe, weil er so hasserfüllt ist, aber wie sollte er das wissen? Naja, jedenfalls weiß ich mit der Wohnung nicht mehr weiter. Gestern habe ich wieder alles geputzt und heute könnte ich das gleiche schon wieder machen, weil wieder alles dreckig ist. Wie kann man nur so schlampig sein? Ich traue mich auch nicht mehr überhaupt noch was zu sagen. Einmal hat er mich dann angeschrien, weil 2 Blätter von mir auf dem Tisch lagen, habe ich glaube ich auch erzählt. Ich wollte ihn anschreien, weil der ganze restliche Platz von seinen Sachen bedeckt war, aber wenn ich auch nur ein Wort gesagt hätte, hätte ich vor Verzweiflung geweint. Es hätte ja eh keinen Sinn, mit diesem Menschen kann man nicht reden. Aber was soll ich machen? Hier sieht es schlimmer aus denn je. Alles liegt voll mit seinem Kram, zusätzlich stehen Kartons von der Ferienaktion rum. Sobald Papa etwas nicht findet, schreit er mich an, warum ich das weggeräumt habe und wo es ist. Meistens kann ich es ihm direkt sagen, aber manchmal weiß ich auch nicht wo es ist und dann gibt es erst recht Ärger.
Ich würde so gerne ausziehen. Aber er würde das niemals erlauben. Dann wäre ja das heile Weltbild zerstört von der Happy Family, die er nach Außen hin aufrecht zu halten versucht. Ich habe gelesen, dass man, bevor man 25 ist, keinen Cent vom Staat kriegt, entweder ich müsste mich selbst versorgen, oder mein lieber Erzeuger zahlt. Was er nicht tun wird. Und neben der Schule kann ich nicht arbeiten gehen, zumindest nicht so viel, dass ich ne eigene Wohnung bezahlen könnte und ein gutes Abi hab. In 1,5 Jahren habe ich mein Abi, kann ich es nicht so lange noch aushalten? Das rede ich mir immer ein, aber in Momenten wie grade denke ich, dass ich das niemals schaffe. Erstens ist es schrecklich, dem Mann täglich ins Gesicht zu sehen und zweitens leben wir hier wirklich wie die Messies. Wenn ich könnte, würde ich ihn in den Knast befördern. Aber es gibt Verjährungsfrist auf sexuellen Missbrauch, und ich habe keinerlei Beweise, es würde Aussage gegen Aussage stehen. Er würde freigesprochen werden, und ich würde noch am selben Tag ins Krankenhaus oder ins Grab gefördert werden. Ich glaube, ich sollte wirklich mal mit meinem Lehrer reden. Vielleicht hat er eine Idee, was ich machen kann. Und ich vertraue ihm halt, das ist der Punkt. Ich kann nicht einfach Hilfe bei einem Wildfremden suchen, für diese sozialen Ängste hat mein Vater gesorgt. Clever. Und meine Therapeutin kann mich sofort in die Klapse befördern, wenn sie mir nicht glaubt, nein danke. Ich werde mich aber eh nicht trauen, ihn anzusprechen, das kann ich jetzt schon sagen. Wie erzählt man jemanden, dass man sexuell missbraucht wurde? Ich weiß es nicht. Das scheint alles so unmöglich. Ich habe es noch nie laut ausgesprochen, nur geschrieben. Vielleicht sollte ich es mal vor dem Spiegel über...mit dem Risiko, dass mein Vater plötzlich hinter mir steht, lol.
Naja, erstmal genug von diesem Thema. ich kann noch was anderes über meinen Alten erzählen. Gestern Morgen standen Papa, Sven und ich vor der Türe. Sven ist aufgefallen, dass meine türkise Strähne nicht mehr da ist (sie ist am Mittwoch morgen raus gegangen). Um Papas Reaktion zu sehen, meinte ich im Scherz zu Sven, dass ich mir ja jetzt die kompletten Haare türkis färben könnte. Es war im Scherz gesagt, aber mein Vater ist total ausgerastet. Er meinte, wenn ich das mache setzt er mich vor die Tür. Vielleicht sollte ich das also genau deshalb machen :D Nee, aber das macht er eh nicht, er wird nur nen Anfall kriegen. Vielleicht verreckt er ja dran! Ich bin 18, ich kann machen was ich will und ich finde bunte Haare nunmal geil. das habe ich ihm gesagt, und außerdem, dass ich ja noch jung bin und es doch jetzt mal ausprobieren kann. Er hat gesagt, wie scheiße das aussehen würde und macht sich sorgen, was die anderen Leute dazu sagen würden, wenn seine Tochter mit türkisen Haaren rumläuft. Was die Leute wohl sagen würden, wenn ich sie über Papas nächtliche Leidenschaften aufklären würde? Sven hat die Situation dann entschärft und hat was lustiges gesagt, dann haben wir das Thema fallengelassen. Das hat mich stark verunsichert. Ich wollte es so sicher an Silvester machen, aber jetzt habe ich wieder richtig Angst, was er dann mit mir machen würde. Nichts gutes. Aber es ist mein Leben, ich gehöre ihm nicht. Nicht mehr. Ich möchte leben, und zwar so wie ich will, nicht wie er es gerne hätte. Ich stehe auf meine Piercings, auf den Tunnel, den ich mir gerade dehne, auf das Tattoo auf meinem Arm. Ich freue mich auf die Tattoos, die noch folgen werden. Ich steh auf bunte Haare und ich möchte auch mal zufrieden sein, wenn ich in den Spiegel gucke. Ich möchte endlich Ich sein. Lange genug war ich nun seine Hure und seine Putzfrau. Dieser Mann hat mir nichts mehr zu sagen, denn er ist nicht mehr mein Vater. Jetzt werde ich leben. Und ich will nicht mehr schweigen. Punkt.
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