Erzähle von deinen Geschwistern.
Tja, was soll ich da erzählen, ich habe keine Geschwister. Worüber ich im Grunde ziemlich froh bin. Als ich noch klein war, habe ich mir oft einen großen Bruder gewünscht. Viele meiner Freunde hatten ältere Geschwister, deshalb wollte ich auch einen großen Bruder, mit dem ich rangeln konnte, der mir coole Videospiele zeigt und Horrorfilme mit mir schaut, die eigentlich erst ab 18 sind. Die "große Bruder kleine Schwester" Beziehung schien mir etwas ziemlich cooles zu sein. An jüngeren Geschwistern war ich nie interessiert. Wenn ich mal mit meinen jüngeren Cousinen spielen musste hat mir das gereicht und ich war froh, nicht dauerhaft kleine Kinder um mich herum zu haben. Vor allem, als meine Mutter starb, war es eine Erleichterung, dass ich mich jetzt nicht noch um ein Kind kümmern musste. Vielleicht wäre es auch leichter gewesen jemanden zu haben, mit dem man das Schicksal teilen konnte, aber ich bin nicht so egoistisch, mir aus diesem Grund jemanden zu wünschen, der das auch hätte erleben müssen. Es ist für mich schwer einschätzbar, ob Geschwister in der Situation damals eine Last oder eine Erleichterung gewesen wären, aber damals war ich wie gesagt froh, dass da sonst niemand war. Auch heutzutage, wenn ich sehe, wie kompliziert die Beziehung zwischen meinem Freund und seinen Geschwistern ist, bin ich froh darum, Einzelkind zu sein. Es mag Leute geben, die eine sehr enge Beziehung zu ihren Geschwistern haben, aber dazu zählt leider niemand den ich kenne.
Aber es gibt etwas, das super seltsam klingt, aber an das mich mein kindlicher Wunsch, nach einem großen Bruder erinnert. Deshalb werde ich jetzt darüber schreiben. In meinem Kurs gibt es einen Kerl, mit dem ich mich recht gut verstehe. Richard, ich denke ich habe ihn schonmal erwähnt. Seit wir die Ausbildung vor zwei Jahren begonnen haben, hat er sich um mein Vertrauen bemüht. Als wir zusammen auf der Alkoholentzugsstation gearbeitet haben, hat er immer gut auf mich aufgepasst, wenn ein intoxikierter Patient aufdringlich geworden ist. Er hat immer gemerkt, wenn bei mir etwas nicht in Ordnung war, ohne mich zu drängen, darüber zu sprechen. Er hat mich zum lachen gebracht und hat mir geholfen, das beste aus mir herauszuholen. Seit zwei Jahren, immer wenn wir uns sehen. Obwohl Richard zwei Jahre jünger ist als ich habe ich das Gefühl, dass er so viel reifer ist, als andere Jungs mit 22, aber ohne dabei die Fähigkeit verloren zu haben, mit kindlicher Leichtigkeit Spaß haben zu können. Und warum erzähle ich das? Weil Richard mir ein Stück weit das gibt, was ich mir als Kind von einem großen Bruder gewünscht hätte. Aber da es biologisch nicht möglich gewesen wäre, einen großen Bruder zu bekommen, wäre da nur die Option gewesen, einen kleinen Bruder zu bekommen. Es fühlt sich ein Stück weit so an, als wäre Richard der große kleine Bruder, den ich nie hatte.
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