Erzähle von einer Erinnerung.
Okay, da ich in letzter Zeit sowieso sehr oft daran denke, erzähle ich euch etwas aus meiner Zeit in Bonn. Ich verbinde die zwei Jahre dort mit sehr vielen Emotionen. Das erste Semester war ich eigentlich nur high, das war eine super gute Zeit, ich habe es sehr genossen in dieser interessanten Stadt zu wohnen. Dann hat mein damaliger Freund ja eine Angst- und Panikstörung entwickelt, weshalb wir aufgehört haben zu kiffen. Die Auswirkungen davon haben sich irgendwie durch das ganze zweite Semester gezogen. In dieser Zeit habe ich angefangen, Freundschaften mit anderen Physikstudenten einzugehen. Da waren Miriam, Carmen und Lukas, die alle schon ein Jahr länger da waren als ich, aber aus verschiedenen Gründen nochmal die alten Sachen besuchen mussten. Ich bin sehr dankbar dafür, diese Menschen kennengelernt zu haben, es war mir eine Freude in diesen kurzen zwei Jahren mein Leben mit ihnen zu teilen. Dann war da noch Servan, wir haben gemeinsam das Studium begonnen. Jede Vorlesung, die wir zusammen besucht haben lief gleich ab. Am Anfang haben wir beide sehr ernsthaft versucht aufzupassen und mitzuschreiben und alles. Nach der ersten Hälfte haben wir es beide aufgegeben und den Rest der Vorlesung nur rumgeblödelt. Egal wie mies ich drauf war, er hat es jedes Mal geschafft mich doch zum lachen zu bringen. Wenn ich morgens den Hörsaal betreten habe und ihn gesehen habe, wusste ich schon, dass der Tag sich zum guten wenden würde. Leider hat Servan nach dem zweiten Semester abgebrochen und wir haben uns irgendwann aus den Augen verloren. Aber umso stärker wurde die Bindung zu den anderen drei oben genannten Freunden. Die Erinnerung von der ich eigentlich erzählen möchte, ereignete sich am Anfang des dritten Semesters. Ich war traurig darüber, dass Servan nicht mehr da war. Zwischen Sven und mir wurde die Stimmung auch irgendwie immer angespannter. Dann kam der Montag, von dem ich erzählen will. Der 16. Oktober 2017. Als ich am Wochenende in der Heimat war, habe ich einer Freundin von mir beim renovieren geholfen. Nicole. Wir haben uns super intensiv unterhalten und uns gegenseitig viel aus unserer Vergangenheit anvertraut. Das hat mir sehr viel bedeutet, ich fand es schön, dass sie mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. Auf jeden Fall hatten wir danach noch ein bisschen was geschrieben und weitere Pläne für ihre neue Wohnung gemacht und so. An diesem Montag hatte ich noch nichts von ihr gehört, ich hatte ein ungutes Gefühl dabei. Ich saß mit Lukas und Carmen gerade in einem Mathetutorium, als eine gemeinsame Freundin von Nicole und mir, Sarah, mich anschrieb, und fragte, ob ich gerade zuhause bei meinem Freund sei. Als ich ihr antwortete, dass ich noch in der Uni war sagte sie, ich solle ihr Bescheid sagen, sobald ich zuhause wäre, weil sie mir was wichtiges sagen musste, bei dem sie nicht wollte, dass ich alleine war. In unserer Whatsapp Gruppe mit ein paar anderen Mädchen startete sie den gleichen Aufruf. Es sind tausend Sachen durch meinen Kopf geschwirrt, was wohl los sein könnte. Carmen hat mitbekommen, dass etwas nicht in Ordnung war und ich erzählte ihr, was los war. Sie gab mir recht, dass das nicht gut klang. Lukas hatte auch alles mitbekommen. Er hat angefangen, auf lustige Sachen zu spekulieren. Sarah wolle mir bestimmt nur sagen, dass sie was mit meinem Freund hat und er sollte dabei sein, damit ich ihm gleich eine verpassen konnte, war seine Vermutung. Ich war froh darum, dass er versuchte, den Ernst raus zu nehmen. Irgendwann war mir aufgefallen, dass jeder in der Whatsappgruppe etwas geantwortet hatte, nur Nicole nicht. Es wunderte mich außerdem, dass niemand sie aufforderte, sich auch zu äußern. Und in Anbetracht dessen, was sie mir 2 Tage vorher für Dinge erzählt hatte aus ihrem Leben, habe ich eine ganz böse Vorahnung bekommen. Ich habe Lukas und Carmen gesagt, was ich vermutete. Carmen wollte mich dazu bringen, sofort nach hause zu gehen, auf die Uni zu scheißen und endlich Gewissheit zu bekommen, was los ist. Lukas hat weiter über lustige Sachen spekuliert. Zum Beispiel könnte es doch sein, dass Nicole von Sven schwanger war und Sarah nur der Bote war. Ich habe bis zum bitteren Ende in dem Tutorium gesessen, einfach nur weil ich Angst vor der halben Stunde hatte, die ich bis nach hause brauchen würde. Und im Grunde brauchte ich die Bestätigung nicht mehr. Ich wusste, dass Nicole sich das Leben genommen hatte, ich wusste nur nicht was genau passiert war. Carmen hat mich zum Abschied umarmt und mich gebeten, mich später bei ihr zu melden. Lukas und ich sind zusammen in die Bahn gestiegen, ich habe versucht mich an seine Witze zu klammern. Trotzdem hat er mich daran erinnert, dass ich mich jederzeit bei ihm melden könnte, wenn was war, als ich aus der Bahn gestiegen bin. In der Zeit, die ich noch brauchte um zu meiner Wohnung zu laufen, habe ich Sven über das was los war in Kenntnis gesetzt, damit Sarah mir sofort sagen könnte, was los war. Als ich die Wohnung betreten habe, hat Sven mit seinen Freunden über ts darüber gesprochen, dass eine junge Frau am Morgen vor einen Güterzug gesprungen war. Die Mutter eines Freundes, war mit der Mutter von einer anderen Freundin von Nicole befreundet und war zu dem Zeitpunkt am Bahnhof. Die Jungs konnten mir nicht sicher sagen, ob das Nicole war, aber so einen großen Zufall konnte es doch gar nicht geben, oder? Dann kam die Nachricht von Sarah, die alles bestätigte. Nicole hatte sich das Leben genommen, indem sie sich vor einen Güterzug gelegt hatte. Ich war nicht traurig, als ich diese Bestätigung bekommen habe, ich war nur unfassbar wütend. Sven war vollkommen überfordert, wie er mit mir umgehen sollte. Ich habe Carmen und Lukas auch eine Nachricht geschickt, damit sie Bescheid wussten. Aber sie wussten genauso wenig damit umzugehen wie ich. Am nächsten Tag war ich nicht in der Uni, weil ich mich in der Heimat mit meinen Freunden getroffen habe. Wir haben ein paar Blumen und Kerzen für Nicole am Bahnhof aufgestellt. Aber es war, als wären wir uns alle vollkommen fremd, keiner wusste, wie er mit den anderen umgehen sollte. Als ich am nächsten Tag wieder in der Uni war, wussten meine Freunde dort, wie sie mir gegenübertreten konnten. Sie haben mir gesagt, wie sehr sie mich vermisst hatten. Haben mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht alleine war. Miriam hat mich ganz oft mit in die Mensa geschleppt, obwohl ich dort nie etwas gegessen habe. Sie hat mich einfach wissen lassen, dass ich Teil einer Gemeinschaft war. Und dass es egal war, wenn ich eine Stunde schweigend bei ihnen saß, Hauptsache ich war dort. Carmen hat mir so oft geschrieben, wenn sie mich nicht gesehen hat und gefragt, ob alles okay ist. Wenn wir Zeit bis zur nächsten Vorlesung totschlagen mussten, hat sie mich zu allen möglichen Menschen mitgeschleppt. Oder mir in den Arsch getreten, dass ich endlich mal lernen sollte. Und Lukas hat mir einfach nicht erlaubt, in Trauer oder Wut zu versinken. Er ist mir oft wirklich ganz bewusst auf den Sack gegangen, bis ich mich darauf eingelassen habe zum lachen gebracht zu werden. Und er hat es immer geschafft.
Ich liebe diese Menschen, sie haben wirklich alles gemacht, um mir zu helfen. Der traurige Wendepunkt dieser Geschichte ist leider, dass ich nicht bereit war, diese Hilfe anzunehmen. Ich habe es nichtmal richtig gesehen, wie sehr sich alle bemüht haben. Habe mich immer weiter runterziehen lassen und schließlich alles aufgegeben, was mir mal so wichtig war. Mein Studium. Meine Freunde. Und schließlich auch meine Beziehung. Aber eigentlich soll es gar nicht darum gehen was und wen ich verloren habe, sondern um diese wunderbaren Menschen, meine Freunde, die mir für immer fehlen werden.
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