Mittwoch, 26. Mai 2021

Tag 26

 Schreibe über deine Schule.


Der Einfachheit halber werde ich über meine Berufsschule schreiben, auf der ich gerade bin. Genauer gesagt ist es ja eine Krankenpflegeschule. Diese besuche ich seit April 2019, wir haben dort Blockunterricht, also immer ca 6 Wochen Schule, dann ca. 6 Wochen arbeiten. Zu meinem Leidwesen sind die Schulblocks meistens etwas kürzer als die Arbeitsblocks, ich bin ja eher Theoretiker. Sprich, ich gehe wirklich gerne zur Schule. Es ist nicht wie normale Schule mit Fächern wie Mathe oder Englisch, sondern eher wie in der Uni mit Modulen. Das kommt daher, weil der LVR, für den ich arbeite, auch ein duales Studium in Kombination mit der Krankenpflegeausbildung anbietet. Ich mache aber nur die normale Ausbildung. In den Modulen geht es um die Anatomie verschiedenster Organe, pflegewissenschaftliche Theorien, Medikamentenlehre, Qualitätsmanagement und natürlich alle möglichen Krankheiten. Mich persönlich reizt die Anatomie und die Krankheitslehrer am meisten. Dieses Konzept finde ich auf jeden Fall deutlich angenehmer, als mich jahrelang mit Fächern wie Sport oder Sozialwissenschaften quälen zu müssen, bei denen ich mir sicher bin, dass ich beruflich nie etwas in diese Richtung machen will. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich gerne zur Schule gehe. Der Hauptgrund ist der, dass ich einen ganz wundervollen Kurs habe. Ich bin noch nie so vielen toleranten und respektvollen Menschen auf einmal begegnet. Ich muss dazu sagen, dass die meisten von uns in der Psychiatrie angestellt sind, so wie ich auch. Und die meisten haben sich, wie ich, sehr bewusst dafür entschieden, weil sie eine Vorgeschichte haben, so wie ich. Wir konnten uns vom ersten Schultag an sehr offen über alles mögliche austauschen, von Menstruationsbeschwerden, über Sex, bis hin zu unseren Diagnosen. Das ist genau die Art von Kontakt, die ich gerne mag. Sich nicht mit höflichem Smaltalk aufhalten müssen, sondern direkt tiefgründigere Themen auftischen. Es fällt mir trotzdem noch schwer, aus mir heraus zu kommen, aber trotzdem würde ich sagen, dass ich noch nie vorher in einer Gruppe so schnell das Gefühl hatte, dazuzugehören und zwar so, wie ich bin. Ich fühle mich dort gut aufgehoben, habe das Gefühl, dass wir gegenseitig auf uns aufpassen. Durch eine Klassenkameradin bin ich an den Kontakt meiner Psychologin gekommen, weil sie dort auch hingeht und sie mir empfohlen hat, als sie gesehen hat, dass ich eine brauche. Seitdem tauschen wir uns oft aus, wie es uns geht und wie es mit der Therapie voran geht, in ihr habe ich eine wirklich gute Freundin gefunden. Es gibt eine Vielseitigkeit in unserem Kurs, von der wir alle profitieren. Egal ob wir uns in Lerngruppen treffen, oder zum saufen, spazieren gehen, oder Pokemon spielen. Ich bin sogar in ein Kunstatelier gegangen, wo eine Klassenkameradin an einer Ausstellung mitgewirkt hat, um ihr eine Freude zu machen.  Habe morgens um halb 6 eine Kurskameradin abgeholt, weil sie keinen Führerschein hatte und bin mit ihr zusammen zur Arbeit gefahren. Wurde von einem Mitschüler auf der Arbeit vor einem betrunkenen Grabscher beschützt. Wurde von ihm in den Arm genommen, als ein Film übers sterben mich mitgenommen hat. Und seit Freitag sitzen wir endlich wieder alle zusammen in der Schule, ich bin sehr glücklich darüber. Unser 5. Schulblock ist wegen Corona komplett ausgefallen, der 6, war komplett online, der 7. zum Teil auch noch. Zum 8. Block haben wir uns dann endlich wieder die ganze Zeit in der Schule gesehen. Der 9. war dann wieder komplett online und obwohl niemand damit gerechnet hatte, dürfen wir jetzt wieder in die Schule. Ich freue mich auf jeden Fall riesig, alle wieder persönlich zu sehen. Wir haben zwar auch oft miteinander geschrieben, ich habe mich auch ein oder zweimal mit jemandem getroffen, aber es war einfach nicht dasselbe. Das Gemeinschaftsgefühl hat mir gefehlt, als wir alle nur durch den PC miteinander gesprochen haben. Doch jetzt sind wir wieder da und es fühlt sich an, als ob wir direkt wieder da anknüpfen können, wo wir letztes Jahr aufgehört haben, und das macht mich sehr glücklich. Deshalb war es mir eine Freude, heute von meiner Schule erzählen zu dürfen, weil so viel mehr dahinter steckt als nur ein Gebäude. 

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