Mittwoch, 5. Mai 2021

Tag 5

 Schreibe etwas über deine Eltern.


Meine Eltern sind ein unglaublich umfassendes Thema. Ich versuche, diesen Text nicht ausarten zu lassen. In meiner Kindheit war meine Mutter eigentlich mein Ansprechpartner für alles. Zum spielen, beim lernen, wenn etwas in meinem Freundeskreis passiert war, selbst wenn ich einen Jungen süß fand. Ich wollte zu allem ihre Meinung wissen und habe sehr viel darauf gegeben. Meine Mutter war mein ein und alles, das Zentrum meiner Welt, der einzige Mensch, den ich bedingungslos vertraut habe. Bei meinem Vater war das etwas ganz anderes. Er war eigentlich immer arbeiten, selbst am Wochenende hat er meistens was nebenbei gemacht. Abends war er auch oft nicht da, er ist nach der Arbeit gerne mit Kollegen in die Kneipe gegangen. Ich hatte Angst vor ihm, weil er schnell genervt von mir war, wenn ich "laut" war, dann konnte er auch mal gewalttätig werden. Ab und zu hatte ich die Schnauze voll davon, mich so behandeln zu lassen. Einmal habe ich ihm in die Hand gebissen, als er sie gegen mich erheben wollte. Den Schlag ins Gesicht habe ich natürlich trotzdem kassiert, aber wenigstens hatte ich mich gewehrt. Ein anderes Mal habe ich ihm die Finger in meinem heißen Glätteisen eingeklemmt, richtig aus dem nichts heraus, weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Trotzdem war meinem Vater die Familie sehr wichtig. Wir sind jeden Wochenende zu seinen Eltern gefahren, bis sie gestorben sind. Leider wird selbst diese Zeit, die ich bei meiner Oma verbringen konnte und mit meinen Cousins und Cousinen spielen konnte von einer Sache überschattet: Alkohol. Aus Papas Familie war eigentlich jeder ein Alkoholiker, wodurch ich selbst auch sehr für angefangen habe zu trinken. Als meine Mutter krank wurde hat uns das auf eine seltsame Art und Weise sehr zusammengeschweißt. Ich war wirklich beeindruckt, wie bedingungslos er sich in dieser Zeit um alles gekümmert hat. Wir sind so oft es ging ins Krankenhaus gefahren und er hat möglich gemacht, dass wir sie auch zuhause versorgen konnten. Trotzdem konnte er nicht gut damit umgehen, er ist schnell ungeduldig geworden, als es ihr schlechter ging, sodass ich geschaut habe, dass ich immer zuhause war, um mich um alles zu kümmern. Doch als es zuende ging, hat mein Vater die ganze Nacht bei Mama am Bett gesessen, Er war stark für sie beide, als sie es nicht mehr konnte und das rechne ich ihm sehr hoch an. Doch ich würde lügen wenn ich sage, dass es einfach war, plötzlich mit meinem alkoholabhängigen und gewalttätigen Vater alleine zu leben. Ich muss zugeben, er hat mich seitdem kein einziges Mal mehr angerührt und die ersten 2 oder 3 Jahre hat er sich auch mit dem Trinken zusammengerissen. Ich hatte trotzdem immer Angst, ihn nach etwas fragen zu müssen, vor allem wenn es um Dinge ging, die ich sonst mit meiner Mutter geklärt hätte. Ich hatte Angst ihn alleine zu lassen, was mir oft Streit mit meinen Freunden eingebracht hat. Es tat weh mir anhören zu müssen, dass ich meinem Vater als Ersatzfrau dienen würde. Trotz dieser Konflikte würde ich es immer wieder so machen. Mein Vater und ich waren in dieser Zeit ein gutes Team, ich war froh, dass er sich derart zusammengerissen hat und ich wollte ihm etwas zurückgeben. Der Wendepunkt kam, als ich die ersten Flashbacks vom Missbrauch hatte und dachte, dass es mein Vater gewesen sein musste. Ich war 17 und hatte noch 2 Jahre vor mir, bevor ich ausgezogen bin. Ich habe seine Gegenwart kaum noch ausgehalten und habe mich deshalb eigentlich täglich volllaufen lassen. Mit dem Auszug wurde unsere Beziehung wieder besser, der Abstand tat uns gut. Mein Vater wurde daran erinnert, dass meine Anwesenheit nicht selbstverständlich war, denke ich, er wusste es wieder zu schätzen, wenn wir was unternommen haben. Und mir tat der Abstand gut. Seit einem Jahr ungefähr weiß ich, dass er es nicht war, der mich missbraucht hat und was soll ich sagen? Ich bin mehr als erleichtert. Ich wollte es nie wahrhaben, dass er mir sowas antun würde. Es ist schön, in seiner Gegenwart wieder entspannt sein zu können. Natürlich ist es trotzdem nicht okay, dass er mich geschlagen hat. Aber er hat nicht meine Seele getötet, das war jemand anderes. Und ist es nicht eigentlich ein schönes Ende für diese Geschichte, dass mit dieser ganzen Scheiße die passiert ist, mein Vater und ich schließlich doch zu so etwas wie einer Vater-Tochter-Beziehung gefunden haben?

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